Gemeinsam die Zukunft der Energiewende gestalten

Wie lassen sich Strom, Wärme und Mobilität gemeinsam erforschen und welche Lösungen brauchen wir für die Energiewende? Diese Fragen diskutierten die Teilnehmer des BMBF-Zukunftskongresses „Energieoffensive 2030“ in Berlin. Eine Bildergalerie der Veranstaltung finden Sie am Ende des Textes.

„Wir müssen ernst machen mit der Energiewende“, betonte Staatssekretär Georg Schütte in seiner Keynote zur Eröffnung des BMBF-Zukunftskongresses „Energieoffensive 2030“. 400 Besucher brachten in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom ihre Ideen ein, wie man die Energiewende erfolgreich gestalten kann. Denn die Energiewende betreffe uns alle, so Schütte. Die Klimaschutzziele von Paris würden den Referenzrahmen vorgeben, der einen fundamentalen Umbau des Energiesystems nötig mache. Und er fügte hinzu: „Die Energiewende muss internationaler gedacht werden.“

Nach Herrn Schütte hoben auch Hildegard Müller, Vorstand Netz & Infrastruktur bei innogy SE und der Präsident des Automobilverbandes VDA, Matthias Wissmann, die Bedeutung der so genannten Sektorkopplung hevor. Bisher konzentrierte sich der Ausbau von erneuerbaren Energien vor allem auf den Stromsektor. In Zukunft müssten die Sektoren Strom, Wärme und Mobilität viel stärker gemeinsam erforscht werden.

„Es mangelt nicht an dem Bewusstsein, Dinge ändern zu müssen“, stellte Müller in ihrer Rede fest. Der Bedarf für Energieforschung werde immer komplexer: „Wissenschaft und Wirtschaft müssen deshalb eng zusammenarbeiten.“

Matthias Wissmann unterstützte diesen Ansatz: „In der Sektorkopplung liegt der Schlüssel für die Energiewende. Klimaschutz und Industriepolitik müssen sich immer die Balance halten.“

In den beiden Aktionsfeldern „Europäische und internationale Perspektiven der Energiewende“ und „Zukunft der Kopernikus-Projekte für die Energiewende“ diskutierten hochkarätige Wissenschaftler, Unternehmer und Vertreter der Gesellschaft darüber, wie sich diese Herausforderung konkret in die Tat umsetzen ließe.

Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BDI, hob hervor dass 70 Prozent der Primärenergie im Gebäudesektor verbraucht werden. „Deshalb brauchen wir effiziente Anreize, mehr in die Sanierung von Gebäuden zu stecken. Da lässt sich unheimlich viel machen.“ Alexander Weiss von McKinsey, Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung, Reinhard Otten, der bei Audi für die nachhaltige Entwicklung verantwortlich ist und Brigitte Knopf, Generalsekretärin des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change besprachen auf dem Panel die internationalen Herausforderungen eines Umbaus der Energieversorgung. Schwerpunkte waren der CO2-Zertifikatehandel, die Zukunft der Mobilität und die Speichertechnologie.

Weil die größten Herausforderungen im Energiesystem liegen und langfristig verändert werden müssen, hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung die vier Kopernikus-Projekte für die Energiewende initiiert: ENSURE, P2X, SynErgie und ENavi erforschen die Zukunft des Stromnetzes, Speicherlösungen, Industrieprozesse und die Systemintegration. In allen vier Projekten arbeiten insgesamt 260 Partner technologieoffen an Lösungsoptionen für die Zukunft.

Wie diese konkret aussehen können, beschrieb ENavi-Sprecher Prof. Ortwin Renn anhand eines konkreten Beispiels: „80 Prozent der Wohnungen stehen 80 Prozent des Tages leer. Hier können wir Heizkosten sparen, ohne dass es für die Menschen eine Einschränkung bedeutet.“

Die Gesellschaft von Anfang an mitzunehmen, gemeinsam mit der Wirtschaft die besten Lösungen zu entwickeln, die auch eine Perspektive haben, langfristig in die Anwendung zu kommen und die besten Grundlagenforscher gemeinsam an den wichtigsten Fragen für die Zukunft des Energiesystems arbeiten zu lassen, das ist die Kernaufgabe der vier Kopernikus-Projekte mit einer Laufzeit von zehn Jahren.

„Die Kopernikus-Projekte sind ein Lernprozess“, betonte der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland, Olaf Tschimpke zum Abschluss des ersten Tages. „Die Zivilgesellschaft will auf Augenhöhe mitdiskutieren. Dann ist nicht mehr die Frage, ob wir das hinkriegen, sondern nur noch wie.“

Um genau diese Frage ging es am zweiten Tag der Veranstaltung: Welche Innovationen brauchen wir für die Mobilität der Zukunft und die Wärmewende und worin liegt die Zukunft der deutschen Kernbranchen. In seiner Keynote zur Eröffnung des zweiten Tages betonte Thomas Bareiß, MdB und Beauftragter für Energiepolitik der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, dass der Weg von der Kernenergie und den fossilen Rohstoffen hin zu nachhaltigen Energien unser Wachstums- und Wohlstandsmotor für die nächsten Jahre ist. „Forschung und Entwicklung ist der Grundstock für eine verlässliche und umweltfreundliche Energiepolitik“, so Bareiß.

Wie der Umbau des Verkehrssektor aussehen kann und wo der größte Forschungsbedarf liegt, darüber diskutierten Prof. Thomas Weber Senior Advisor, Research & Mercedes-Benz Cars Development der Daimler AG, Prof. Andreas Knie, Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel und Klaus Müller, dem Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. Knie und Müller waren sich einig darin, dass der Stellenwert des eigenen Autos abnimmt: „In Zukunft geht es um nutzen statt besitzen“, sagte Müller. Knie sieht hier die Großstädte als Keime des Wandels in der Mobilität, als Experimentierräume, in denen sich zum Beispiel der Fahrradverkehr in den vergangenen Jahren verdoppelt habe. Prof. Weber von Daimler hob hervor, dass der Forschungsbedarf in der Batterieforschung riesig sei – damit nicht die Batterie in Elektroautos sehr schwer und genauso teuer sei wie das Auto selber.

Auch der Forschungsbedarf für die Wärmewende ist nach wie vor groß: in Wohngebäuden, der industriellen Abwärme, der Digitalisierung. Welche Schwerpunkte dabei gesetzt werden sollten, diskutierten Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der dena, Stefan Kapferer, Vorsitzender der Hauptgeschäftsführung des BDEW und Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. „Die industrielle Abwärme hat ein Einsparpotenzial von fünf Milliarden Euro pro Jahr“, sagte dena-Geschäftsführer Kuhlmann. Auch in der Materialforschung und der Frage, mit welchen Materialien wir in Zukunft bauen müssen, sieht er großen Forschungsbedarf.   

„Wir verschenken riesige CO2-Senkungspotenziale im Wärmebereich“, bestätigte BDEW-Vorsitzender Kapferer. Aber er kritisierte gleichzeitig: „Wir haben noch gar nicht die Mengen an erneuerbarem Strom, die wir für den Umbau des Wärmesektors und Mobilitätssektors brauchen.“ In der nächsten Legislaturperiode sieht er eine große Chance darin, den Sanierungsstau im Heizungskeller aufzuheben.

Mit dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der BASF SE, Dr. Martin Brudermüller, war einer der wichtigsten Vertreter einer deutschen Kernbranche – der Chemieindustrie – auf dem Panel vertreten, das über die Zukunft der Kernbranchen diskutierte. Dabei ging es zum einen um sehr konkrete Fragen, die einzelne Branchen in den kommenden Jahren beantworten müssen, aber auch um den größeren Zusammenhang und ihrer Funktion für den Erfolg der Energiewende.

„Die Energiewende ist zu teuer“, stellte Prof. Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts fest. Dringend erforderlich sei es deshalb, alle Sektoren im CO2-Zertifikatehandel zu erfassen – auch den Verkehr. Noch funktioniere dieses Instrument zur Steuerung und Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes nicht. Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz des WWF Deutschland ergänzte: „Wir brauchen harte politische Rahmenbedingungen, damit sich in der Industrie etwas ändert.“

Bilder: Peter Himsel