Interview mit Dr. Steffi Ober, Plattform Forschungswende

Sie vertritt die zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende in zwei Kopernikus-Projekten. Dort bringt Steffi Ober die Ingenieure und Sozialwissenschaftler ins Gespräch. Im Interview spricht sie über die Vorteile dieser Vernetzung, wie wichtig eine gemeinsame Sprache ist, was die Industrie mit einem Stausee zu tun hat und über Augsburg als Testlabor für die Energiewende.

Frau Ober, warum war es Ihnen wichtig, bei den Kopernikus-Projekte mitzuforschen?

Mit der Plattform Forschungswende arbeiten wir bei zwei Kopernikus-Projekten mit: Bei ENavi und bei SynErgie. Wir haben also zwischen 100 und 1 beide Pole erwischt. SynErgie ist sehr stark auf die Industrie bezogen und technikorientiert, während ENavi eher gesellschaftspolitisch orientiert ist. Für uns ist die Kombination entscheidend: Wie kann man diese Technik mit Governance, mit Politik, mit den Verwaltungen verschneiden und das alles auch zusammendenken?

Und in Augsburg testen Sie, wie das funktioniert?

Augsburg ist das Reallabor für SynErgie . Dort spielen wir einmal durch, was es heißt, wenn die Industrie sich dem flexiblen Angebot aus Solar- und Windstrom anpasst. Das ist ein total spannendes Projekt. Papierfabriken sind mit dabei, verschiedene Stahlwerke, Carbonunternehmen, also alles sehr energieintensive Unternehmen. Sie müssen zwar am Ende immer die gleiche Stückzahl produzieren, können aber in den Zwischenschritten bis zum Produkt je nach Angebot von Energie variieren.

Dann wollen Sie die Industrie als Speicher nutzen?

Sie können sich das vorstellen wie einen großen Stausee, den man höher fährt, wenn sehr viel Energie da ist aber auch entsprechend wieder ablassen kann, wenn wenig Energie da ist. Die Zwischenschritte in der Produktion lassen sich tatsächlich als natürlicher Speicher in großen Industrieunternehmen nutzen. Das hat aber auch vielfältige Auswirkungen. Denn es bedeutet, wenn mehr Arbeit da ist, müssen die Arbeitnehmer flexibel sein.

Was bedeutet das für die Stadt?

Mit Augsburg diskutieren wir, was das für den Verkehr heißt — wenn zum Beispiel die Sonne scheint und alle müssen zur Arbeit fahren. Das diskutieren wir mit relevanten Stakeholdern aus der Bevölkerung, mit NGOs, den Bürgerinitiativen, die sich gegen die Trassen in Bayern aussprechen. Wir könnten die Industrie möglicherweise viel stärker regional flexibilisieren und müssten dann weniger Trassen bauen. Den Stakeholderdiskurs in Augsburg organisieren wir maßgeblich mit.

Wie klappt die Kommunikation zwischen Gesellschaftswissenschaftlern und Ingenieuren?

Das ist total unterschiedlich! Ich musste anfangs öfters sagen: Jungs, ich kann nicht in Excel-Tabelle denken. Ich brauch ein bisschen Text. Ihnen fällt es eher schwer einen Text zu schreiben, Das ist wirklich ein großer gegenseitiger Lernprozess. Unsere Partner sind vor allem Fraunhofer-Institute. Die Ingenieure können sehr effizient in Formeln, Excel-Tabellen und Slides denken. Da sind wir doch ein stückweit anders unterwegs. In ENavi ist es einfacher sich zu verständigen, weil wir im sozialwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Diskurs eher die gleiche Sprache sprechen. 

Was ist die Energiewende-Charta?

Gemeinsam mit der Region wollen wir herausfinden, welche Auswirkungen die Energiewende auf Augsburg hat und wie wir sie dort am besten umsetzen. Das halten wir in der Energiewende-Charta fest. Voraussetzung ist, dass wir die Industrie in Augsburg flexibilisieren können. 70 Prozent des Strombedarfes gehen dort in die Industrie.

Lassen sich die Ergebnisse auch auf andere Regionen übertragen?

Augsburg soll als Modell gelten. In einem zweiten Schritt wollen wir die Ergebnisse von diesem Prototypen übertragen. Man kann die Energiewende nicht gegen die Gesellschaft fahren. Sie wird nur dann gelingen, wenn wir eine breite gesellschaftliche Akzeptanz haben.

Was heißt Akzeptanz?

Dass die Menschen die Veränderungen und die Chancen verstehen, dass sie aber auch die Risiken einordnen können. Das ist ein ganz großes Bildungsprojekt. Wir setzen uns jetzt zusammen und bringen unser Wissen, aber natürlich auch unsere blinden Flecken auf den Tisch. Bürgerinitiativen haben zum Beispiel ein bestimmtes Ziel und blenden ganz bewusst andere Interessen aus. Das macht die Industrie nicht anders. In SynErgie spiegeln wir uns gegenseitig die blinden Flecken. Wir leben alle auf einem Planeten und wollen das jetzt als Gesellschaft gemeinsam gestalten.

Lassen sich so die Klimaziele erreichen?

Man muss immer abwägen. Die Energiewende-Charta ist nichts, was dann für immer und ewig gilt. Wenn wir uns auf einen Weg zum Klimaschutzplan 2050 einigen wollen, der eine Dekarbonisierung der Wirtschaft, aber auch der Mobilität und des Wärmesystems bedeutet, müssen wir alles zusammen denken. Da wird es keine „One-Fits-All“ Lösung geben, in keinem der Projekte und für keinen der Entscheidungsträger. Wir müssen auch zwischen Effizienz und Resilienz abwägen. Letztendlich werden die Kopernikus-Projekte die Politik auf Grundlage unserer Forschungsergebnisse beraten. Wir geben ihnen Instrumente und Wissen an die Hand: Welche technischen Optionen haben wir? Was bedeutet das für die Gesellschaft? Welche Governance-Instrumente brauchen wir für die Umsetzung?

Wo kann man die Menschen mit einbeziehen?

Dort, wo sie leben, arbeiten und die Städte planen, bauen und damit umgehen müssen, wie die Energiewende voran geht. Genau da brauchen wir einen Partizipationsprozess, der alle Sektoren mit einbezieht. So bekommen wir einen sehr robusten Unterbau für die Energiewende. Für den Einzelnen muss es sich lohnen, erneuerbaren Strom einzukaufen. Für die Industrie muss es viel interessanter werden, erneuerbaren Strom zu benutzen. Wir wollen herauskommen aus Kohle, Gas und Öl, ohne dass wir abhängig davon sind, ob das gerade politisch gewollt ist oder nicht. Sondern einfach, weil es sich zum einen rechnet und weil es zum anderen der Wunsch der Gesellschaft ist.

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