Interview mit Dr. Joachim Kabs, Schleswig-Holstein Netz AG

34.000 dezentrale Erzeugungsanlagen, hauptsächlich Windparks, sind in den letzten Jahren in Schleswig-Holstein ans Netz angeschlossen worden – was sich dadurch für den ENSURE-Partner E.ON und seine Schleswig-Holstein Netz AG ändert und wie das Unternehmen die neuen Herausforderungen angeht, erklärt Dr. Joachim Kabs.

Was muss sich am jetzigen Stromnetz ändern, damit es so gut wie möglich auf das steigende Angebot von erneuerbarem Strom reagieren kann?

Das Stromnetz muss vor allem deutlich flexibler werden! In den Großstädten beispielsweise wird sehr viel Strom verbraucht, aber wenig Strom erzeugt. – Wir müssen die Netze darauf auslegen, wie viele Verbraucher und dezentrale Erzeugungsanlagen in einem Netzabschnitt sind, ob sie viel oder wenig Strom brauchen und wann sie selbst Strom erzeugen, so dass er durch die Leitungen in beide Richtungen fließen kann. Hinzu kommen neue Verbraucher, wie Wärmepumpen, Energiespeicher, Elektroautos und weitere elektronische Geräte, die bestmöglich ins Stromnetz integriert werden müssen. Das sind ganz unterschiedliche Anwendungsfälle.

Wir brauchen auch eine bessere Vorort-Verwertung des Stroms, damit wir ihn nicht zuerst über weite Strecken transportieren müssen. Denn das entlastet das Netz. Dafür benötigen wir alle erforderlichen Daten zur richtigen Zeit.

In ENSURE wollen Sie erforschen, ob das Stromnetz der Zukunft eher zentral oder eher dezentral organisiert werden muss. Lässt sich das überhaupt so pauschal sagen?

Nein, das kann man nicht pauschal sagen. Wir sehen in Zukunft aber viel mehr dezentrale Schwerpunkte, wo Strom außerhalb von großen Kraftwerken hergestellt wird. Wir müssen also herausfinden, wie wir das Verteilnetz sinnvoll anpassen an die vielen Solar- und Windparks, die noch entstehen.

Wie wollen Sie das herausfinden?

Das Gute an ENSURE ist der ganzheitliche Ansatz! Ausgehend von den unterschiedlichen Anforderungen der Projektpartner kann jetzt jeder von uns seine Fragen einbringen, die Antworten darauf werden wir dann gemeinsam in einer Pilotregion testen. Weil wir in dem Projekt alle an einem Tisch sitzen – Unternehmer, Wissenschaftler und die Gesellschaft –  können wir ganzheitliche  Perspektiven entwickeln. Es wird jedoch keine Lösung geben, die für alle gleichermaßen optimal ist. Dafür sind die Randbedingungen zu unterschiedlich.

Lässt sich die damit verbundene Komplexität dauerhaft beherrschen und welche Ansätze gibt es dazu?

Die Komplexität lässt sich auf alle Fälle beherrschen. Wir lernen jeden Tag dazu, wie wir damit umgehen. Denken Sie an das Thema Sektorenkopplung, wie Strom-, Wärme- und Verkehrssektor zusammenhängen: Das Kopernikus-Projekt P2X beschäftigt sich damit, wie wir Strom aus erneuerbarer Energie in Rohstoffe umwandeln können, beispielsweise Kunststoff, Treibstoff oder Dünger. Können wir also Power-to-X-Lösungen in größerem Maßstab auch dezentral umsetzen, brauchen wir weniger Netzausbau als bislang prognostiziert.

Flugzeuge haben Piloten früher von Hand geflogen, heute erledigt der Autopilot 98 Prozent ihrer Arbeit. Eine ähnliche Entwicklung sehen wir bei technologischen Innovationen von Steuer- und Regelungstechnik auch.

Die Digitalisierung wird beim Umbau des Energieversorgungssystems eine wichtige Rolle spielen. Kann man die Probleme für die Datensicherheit in ihrer Tragweite heute schon abschätzen?

Gegen Manipulationen müssen wir uns natürlich schützen. Die Gefahr wächst, je mehr Firmen ihre eigenen Netzwerke automatisieren und digitalisieren. Den Angreifern müssen wir immer einen Schritt voraus sein! Für uns als Betreiber von kritischer Infrastruktur gehört das schon jetzt zu unserer täglichen Arbeit. Im Rahmen von ENSURE erforschen wir noch weitreichendere IT Sicherheitskonzepte.

Wie dringend muss der Umbau der Stromnetze umgesetzt werden? Kommt ENSURE nicht viel zu spät?

Nein, ENSURE kommt genau zur richtigen Zeit. Wir können auf unseren Erfahrungen aufbauen und kennen unsere Anforderungen. So sind viel bessere Prognosen möglich, was uns in den kommenden Jahren erwartet.

34.000 dezentrale Erzeugungsanlagen, im Wesentlichen Windparks, haben wir allein in den letzten Jahren in Schleswig-Holstein an unser Netz angeschlossen – wir sind uns dieser veränderten Verantwortung im Verteilnetz voll bewusst. Das können wir einbringen. Was wir früher nur theoretisch hätten erfassen können, lässt sich heute mit einem gesunden Maß an praktischer Erfahrung viel besser einschätzen.

Die Energiewende findet in den Regionen statt – die Schleswig-Holstein Netz AG gehört wie vier weitere regionale Netzbetreiber zu E.ON, unsere Verteilnetzbetreiber sind genau in den Regionen verankert. Sie können die dezentralen Erzeuger wie Wind- und Sonnenstromproduzenten anschließen. In Schleswig-Holstein sind wir sogar bilanziell bereits vollständig mit erneuerbarem Strom versorgt!

Aber erneuerbare Energie ist nicht konstant verfügbar. Wie schaffen Sie Stabilität und stellen die Versorgung sicher?

Die Anzahl der Eingriffe, die wir im Stromnetz vornehmen müssen, damit es stabil bleibt, steigt rasant. Da ist sehr viel Bewegung drin, im Vergleich zu einem früheren, sehr planbaren und vorhersehbaren Vorgehen. Wir sehen das aber nicht als Risiko für die Energiewende.  

Was hat Sie motiviert, sich mit Ihrem Unternehmen an ENSURE zu beteiligen?

Die unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema, die von den anderen Projektpartnern eingebracht werden. Das ist ein erfolgversprechender Ansatz: so können wir von Anfang an die gesellschaftlichen Bedürfnisse, Ängste und Sorgen aufgreifen und ihnen gerecht werden. Damit schließen die Kopernikus-Projekte eine Lücke. Wir müssen die Menschen mitnehmen, das funktioniert sonst nicht. Nur so kann die Energiewende gelingen!

Woran arbeiten Sie und Ihre Kollegen gerade?

Wir entwickeln den Demonstrator in einer Pilot-Region, der später zeigen soll, wie die ENSURE-Erkenntnisse in der Praxis angewendet werden können. Welche Kriterien muss er erfüllen? Welche technischen Komponenten benötigen wir dafür? Vielleicht sind dafür ganz neue Entwicklungsergebnisse nötig. Die größte Herausforderung ist dabei, dass wir alle sehr unterschiedliche Bilder im Kopf haben: Wenn Sie fünf verschiedene Menschen fragen, wie die Energiewende aussieht, bekommen sie acht verschiedene Meinungen. Das ist aber auch das Tolle an diesem Projekt!

Wie wird die Energiewende von den Erkenntnissen aus ENSURE profitieren und welche Rolle übernimmt dabei die Industrie?

Die Energiewende wird ganz erheblich profitieren: Von der Grundlagenforschung bis zur Umsetzung in der Praxis, von Anfang an ist der gesamte Weg mitgedacht. Die Rolle der Industrie ist dabei, Innovationen einzubringen, es technisch umzusetzen und so den Transfer aus der Forschung in die Realität zu schaffen. Mit dem Demonstrator zeigen wir dann alle gemeinsam, wie die Energiewende funktioniert!

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