Multikriterielle Bewertung
Quell: IASS
Arbeitspaket 11

Mit welchen Kriterien kann man die Ergebnisse bewerten?

An guten Ratschlägen, wie man die Energiewende in Deutschland am besten umsetzen kann, fehlt es mit Sicherheit nicht. Auch nicht an wissenschaftlichen Studien, die glasklar nachweisen, welche Folgen mit welchen Maßnahmen verbunden sind und was man tun müsste, um die gewünschten Wirkungen zu erzielen. Nur widersprechen sich diese Studien häufig und geben ein verwirrendes Bild an Einschätzungen und Bewertungen. Woran kann und soll sich Politik orientieren, wenn das Bild komplex, unsicher und vieldeutig erscheint?

Im Kopernikus-Projekt ENavi geht es um die Entwicklung eines robusten Navigationssystems für Entscheidungsträger in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Auf Basis wissenschaftlicher Studien werden im Projekt ENavi komplexe Zusammenhänge so weit wie möglich aufgedeckt, Unsicherheiten charakterisiert und die Erfolgschancen von Handlungsoptionen abgeschätzt. Dabei schält sich eine Erkenntnis deutlich heraus: die dominante Strategie zur Energiewende gibt es nicht. Egal was man an Maßnahmen ergreift, es wird immer Zielkonflikte, Nebenwirkungen und Unsicherheiten geben. In dieser Situation kann Wissenschaft keinen Königsweg empfehlen, sondern muss den Entscheidungsträgern helfen, die Zielkonflikte zu identifizieren, mögliche Ausgleichsstrategien zu entwerfen und Monitoring Systeme für die weitere Beobachtung von unsicheren Entwicklungen aufzubauen. Zentral dafür ist die Erarbeitung eines Ziele- und Indikatorkatalogs, mit dessen Hilfe man zunächst voraussichtliche Folgen und Nebenfolgen abschätzen, Unsicherheiten charakterisieren und auftretende Zielkonflikte diagnostizieren kann.

Genau diesem Zweck dienen die Forschungsarbeiten im Arbeitspaket „Multikriterielle Bewertung“. In einem interdisziplinären Team aus Politikwissenschaft, Rechtswissenschaften, Natur- und Ingenieurwissenschaften und Ethik wurden in einem intensiven Forschungsprozess zehn Bewertungskriterien entwickelt und in über dreißig Unterkriterien konkretisiert, mit denen man Energieszenarien und politische Handlungsoptionen in ihren Folgen und Nebenfolgen beschreiben und abschätzen kann. Gleichzeitig können die Kriterien zu einer wissenschaftlichen Bewertung herangezogen werden, wenn es eindeutige Zielvorgaben aus Politik und Gesellschaft gibt (werden diese Ziele erfüllt oder nicht), oder aber sie dienen als Grundlage für einen Diskurs über energiepolitische Weichenstellungen mit den Entscheidungsträgern. Denn letztlich ist es immer eine politische Aufgabe zu entscheiden, ob man bei Zielkonflikten die Priorität eher auf das eine oder das andere Ziel setzt. Von daher dienen die Kriterien und Indikatoren zur Belebung des politischen Diskurses. Sie bringen robustes und relevantes Wissen ein, überlassen aber die wertende Behandlung der Zielkonflikte (den sogenannten trade-offs) den dafür legitimierten Entscheidungsträgern. Diese wiederum können Vorschläge zur bestmöglichen Behandlung der Zielkonflikte im Vorfeld der politischen Entscheidung von gesellschaftlichen Gruppen (Stakeholdern) oder in partizipativen Prozessen mit betroffenen Menschen und Gruppen erarbeiten lassen. Diese Kooperation von Wissenschaft, Stakeholdern und Politik kann nicht nur die Rationalität der Entscheidungsfindung positiv beeinflussen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zu einer lebendigen demokratischen Debattenkultur leisten.

Quelle: IASS

Orientierung im Energiewende-Alltag

Mit der Energiewende hat sich Deutschland zum Ziel gesetzt, das gegenwärtige Energiesystem in ein weitgehend CO2-freies und auf Erneuerbaren Energien basierendes System zu transformieren. Das „Kopernikus-Projekt Energiewende-Navigationssystem“, kurz ENavi, sieht diese Transformation als einen gesamtgesellschaftlichen Prozess und verknüpft wissenschaftliche Analysen mit politisch-gesellschaftlichen Anforderungen. Zentrales Produkt ist ein Navigationsinstrument, mit dem die Forscherinnen und Forscher die Wirkungen und Nebenwirkungen von wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen, technischen oder sozialen Maßnahmen im Voraus abschätzen wollen. ENavi wird als eines der vier „Kopernikus-Projekte für die Energiewende“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Das Navigationsinstrument soll die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Transformation des Energiesystems zunächst nach verschiedenen Kriterien (multikriteriell) bewerten und als Optionen in eine Road(s)map mit nachhaltigen, innovativen Pfaden überführen. Im Dialog mit Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sollen aus den innovativen Pfaden realistisch umsetzbare Lösungen entstehen. Die daraus resultierenden Maßnahmen werden in Reallaboren und Modellregionen erprobt. Der Begriff Road(s)map wird hier verwendet, da er verschiedene Wege zur Zielerreichung zeigt. Das Navigationsinstrument wird mit drei Schwerpunktthemen anschaulich und praxisnah getestet:

  • Transformation des Stromsystems einschließlich verknüpfter Wärme mit Fokus auf Wirtschaftlichkeit, Realisierbarkeit, Sozialverträglichkeit und Integration der Stakeholder
  • Wärmewende durch Sektorkopplung und Nutzerintegration durch intelligente Steuerung im Bereich Wärme und Strom
  • Dekarbonisierung des Verkehrs (Intermodalität, alternative Antriebe und ausgewählte sektorintegrative Aspekte)

Zusammenwirken von Systemwissen über das Orientierungswissen zum Transformationswissen

Ein wesentliches Kennzeichen von ENavi ist das Zusammenwirken von Systemwissen (was bewirkt was?), Orientierungswissen (wohin soll es gehen?) und Transformationswissen (wie kommt man dahin?). 59 Verbundpartner und über 20 Kompetenzpartner in dreizehn fachlichen Arbeitspaketen (AP) erarbeiten robustes Wissen. Zu den 59 Verbundpartnern zählen 24 Forschungsinstitute, 18 Universitätseinrichtungen, drei Nichtregierungsorganisationen, neun Wirtschaftsunternehmen, drei Stadtwerke und zwei Gebietskörperschaften. Die Kompetenzpartner bringen Praxiserfahrungen aus dem Strom-, Mobilitäts- und Wärmebereich ein.

In einem ersten Schritt des ENavi-Prozesses erstellen und sammeln die Forschungsteams in den interdisziplinären Arbeitspaketen (Technologische Transformation, Wirtschaftlicher Instrumentencheck, Rechtssicheres Gelingen, Politikkoordination & Partizipation, Verhalten im Wandel von Werten & Lebensstilen, Einklang der Nachhaltigkeitsziele, Systeme zusammenführen, Digitalisierung & Informations- und Kommunikationstechnik (IKT), Internationaler Blickwinkel) handlungsrelevante Forschungsergebnisse (Systemwissen). Sie entwickeln daraus Vorschläge für mögliche Politikinterventionen (Maßnahmenbündel), die geeignet sind, die mit der Energiewende verbundenen Zielsetzungen zu erreichen. Weitere Vorschläge dazu kommen aus den Kompetenzteams (Praktiker, Betriebsräte) und Reallaboren, in denen auch praktische Tests durchgeführt werden.

In den anschließenden beiden Schritten entsteht Orientierungswissen. Im zweiten Schritt identifizieren Forscher des Arbeitspakets „Roadsmap & Navigation“ mithilfe einer Interdependenzanalyse Nebenwirkungen, Synergien und Unverträglichkeiten für jedes Maßnahmenbündel und quantifizieren sie so weit wie möglich. Dadurch entstehen Maßnahmenoptionen mit Auswirkungsprofilen auf all den Auswirkungsfeldern, die für die folgende Bewertung der Maßnahmen notwendig sind. Parallel dazu erstellen die Forscherteams Szenarien (Roads für die Roadsmap), in denen die Maßnahmenbündel als Treiber der jeweils erwünschten Zielsetzung eingebaut sind.

Im dritten Schritt steht die Bewertung der Maßnahmenbündel und später auch der Roadsmaps auf dem Programm. Die Forscherinnen und Forscher bewerten umfassend die Maßnahmenbündel und Roadsmaps einschließlich ihrer voraussichtlichen Nebenwirkungen. Auch identifizieren sie auftretende Zielkonflikte und Unsicherheiten, die mit der Umsetzung verbunden sind. Das interdisziplinäre Team des Arbeitspakets „Multikriterielle Bewertung“ hat dazu einen umfassenden Kriterienkatalog ausgearbeitet. Methodisch setzen sie überwiegend eine dynamische Multikriterienbewertung ein.

Im vierten Schritt bringen die Forschenden des Arbeitspakets „Wissenschaft und Praxis im Dialog“ die Maßnahmenbündel mit ihren bewerteten Auswirkungsprofi len in den Dialog mit Praxisakteuren (den „Kompetenzteams“ und der „Betriebsräteplattform“) und Entscheidungsträger aus Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft ein. Wo möglich, überprüfen parallel dazu die Teams aus dem Arbeitspaket „Praxistest“ in Reallaboren und Modellregionen die Handlungsempfehlungen auf Praxistauglichkeit. Aus den Modellregionen wird zudem Wissen aus bereits erfolgten Transformationsprozessen aufbereitet und in die Diskussion eingespeist (Transformationswissen).

Im fünften und letzten Schritt werden die Ergebnisse des diskursiven Dialogs und der Praxistests in eine größere Roadsmap integriert.

Quelle: ENavi
Ablauf der multikriteriellen Bewertung
Quelle: IASS

Multikriterielle Bewertung für die gesellschaftliche Diskussion

Die „Multikriterielle Bewertung“ (Arbeitspaket 11) und der darin entwickelte Bewertungsansatz bilden in ENavi eine Schnittstelle zwischen der Forschung und der Diskussion mit Akteuren aus der Praxis. Politische Diskussionen zu aktuellen Fragen aus den Schwerpunktthemen zielen darauf ab, geeignete Maßnahmen zur Umsetzung der Energiewende zu entwickeln. Dafür werden alle Wissensbestände des ENavi-Konsortiums genutzt. Die im ersten ENavi-Schritt erstellten Maßnahmenbündel bestehen aus einer oder mehreren Kernmaßnahme(n) sowie flankierenden Maßnahmen. Die flankierenden Maßnahmen sollen dabei gewollte Folgen der Kernmaßnahmen verstärken und ungewollte Folgen abschwächen. Doch für die Zuordnung „gewollt / ungewollt“ bzw. „erwünscht / unerwünscht“ müssen die Folgen ganzheitlich mithilfe des multikriteriellen Ansatzes bewertet werden. Um diese Ganzheitlichkeit zu gewährleisten, betrachtet das Forscherteam zehn Kriterien aus allen gesellschaftlichen Lebensbereichen. Der Bewertungsprozess
gliedert sich in zwei Schritte: die wissenschaftliche und die diskursive Bewertung.

Die wissenschaftliche Bewertung basiert auf dem Systemwissen, das Forscherinnen und Forscher zuvor bei der disziplinübergreifenden Zusammenarbeit des ENavi-Konsortiums erarbeitet haben. Unter Verwendung klar definierter Kriterien werden diese Forschungsergebnisse dann in Orientierungswissen überführt. Dafür verwendet das Arbeitspaket „Multikriterielle Bewertung“ eine einfach nachvollziehbare Ampelskala: rot, gelb und grün stehen für „schlechte, neutrale und gute“ Bewertungsergebnisse. Auf diese Weise macht das Team Stärken und Schwächen verschiedener Maßnahmenbündel sichtbar und kann sie systematisch vergleichen. In einem weiteren Schritt identifizieren die Forscher Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Kriterien, um Synergien oder Zielkonfl ikte innerhalb eines Maßnahmenbündels und zwischen alternativen Maßnahmenbündeln zu erkennen. Diese haben häufig eine zentrale Rolle für den Erfolg oder Misserfolg politischer Interventionen.

Die Ergebnisse bereiten die Wissenschaftler anschließend für die diskursive Bewertung auf: den Dialog mit Akteursgruppen aus der Praxis, um Transformationswissen im Bewertungsprozess zu berücksichtigen. Im Dialog können die Beteiligten weitere Wirkungszusammenhänge sowie Stärken und Schwächen herausarbeiten. Vor allem vergleichen sie verschiedene Maßnahmenbündel miteinander und identifizieren Möglichkeiten für ihre Weiterentwicklung. Dazu gehört auch eine Überprüfung der politischen Machbarkeit der vorgeschlagenen Politikoptionen.

Die Ergebnisse der diskursiven Bewertung nutzen die Forscherinnen und Forscher im weiteren Projektverlauf für die Verbesserung der Maßnahmenbündel. Maßnahmenbündel werden so weiterentwickelt, dass Positives genutzt sowie Negatives vermieden oder reduziert wird. Zum Beispiel können weitere flankierende Interventionen die Maßnahmenbündel ergänzen. Ziel dieser Auseinandersetzungen ist die Erarbeitung akzeptabler Lösungen für alle Beteiligten und die systematische Priorisierung geeigneter Handlungsoptionen.

Gemeinsames Bewertungsverfahren mit gesellschaftlichen Akteuren im ENavi-Prozess
Quelle: IASS

Energiewende braucht die Gesellschaft

Die Beteiligung von Stakeholdern ist ein entscheidender Bestandteil des diskursiven Bewertungsprozesses von ENavi. Der Dialog mit Vertretern von Zivilgesellschaften (zum Beispiel Umweltorganisationen, Gewerkschaften, Verbraucherschutzberater, Verkehrsclubs), von Wirtschafts- und Industrieunternehmen (unter anderem Energiedienstleister, Technologieentwickler, Stadtwerke, Wirtschaftsförderung, Industrie- und Handelskammern) und aus der Politik soll insbesondere an den zentralen Ergebnissen der wissenschaftlichen Bewertung ansetzen, die die Perspektiven und Forschungsergebnisse des gesamten ENavi-Konsortiums synthetisieren. Die Stakeholder können die wissenschaftlichen Bewertungsergebnisse für die jeweiligen Maßnahmenbündel überprüfen, schärfen und ergänzen. Die Bewertungsergebnisse bilden die Grundlage für eine strukturierte Diskussion der Maßnahmenbündel. Dabei lassen sich drei aufeinander aufbauende Schritte der Beteiligung unterscheiden:

  1. Überprüfung der Bewertungskriterien: Müssen einzelne Kriterien oder Unterkriterien vereinfacht oder ergänzt werden? Sind die gewählten Minimal- und Maximalwerte als Maßstäbe für die Kriterien sinnvoll? Und sollten bestehende Bewertungsergebnisse innerhalb der Ampelskala der Bewertung abgeändert werden?
  2. Wechselbeziehungen zwischen den Kriterien: Müssen identifizierte Stärken und Schwächen sowie Wechselwirkungen zwischen den Kriterien ergänzt oder abgeändert werden? Wie können ermittelte Synergien verstärkt und Zielkonflikte aufgelöst werden?
  3. Weiterentwicklung der Maßnahmenbündel: Wie sollten die Kriterien bei der Entscheidungsfindung gewichtet werden? Fehlen sinnvolle Maßnahmen womöglich komplett in der Betrachtung? Wie steht es um die Praxisrelevanz der Maßnahmenbündel, zum Beispiel um die politische Durchsetzungsfähigkeit bestimmter Maßnahmen?

Ausgehend von den modifizierten Bewertungsergebnissen passen die Forscherteams Maßnahmenbündel an. Sie ergänzen oder streichen Haupt- und flankierende Maßnahmen. Von zentraler Bedeutung für den Prozess ist, dass es am Schluss klare Priorisierungen zwischen den Maßnahmenbündeln gibt. Die Stakeholder tragen wesentlich zur Prioritätensetzung bei. Auf diesem Wege entwickeln sich die Maßnahmenbündel zunehmend zu konkreten und leistungsstarken Umsetzungs- und Implementierungsmöglichkeiten.

Dimensionenübergreifendes Kriterienset.
Quelle: IASS

Ein flexibles Kriterienset zur multikriteriellen Bewertung

Bis 2050 soll EU-weit der Treibhausgasausstoß um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 zurückgehen. Der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung sieht vor, dass Deutschland bis 2050 weitgehend treibhausgasneutral werden soll. Erneuerbare Energien sollen rund 60 Prozent zum Endenergieverbrauch beitragen, der Primärenergieverbrauch soll sich gegenüber 2008 halbieren. Als Zwischenziel soll bis 2030 die Emission der Treibhausgase um mindestens 55 Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden. Um das zu erreichen, legt der deutsche Klimaschutzplan Zielkorridore für die einzelnen Sektoren (Energie, Industrie, Verkehr, Gewerbe / Handel / Dienstleistungen, Abfall, Landwirtschaft, Landnutzung und private Haushalte) fest.

Die multikriterielle Bewertung orientiert sich maßgeblich an den erklärten Klima- und Energiewende-Zielen der Bundesregierung.
Die Bewertungskriterien wurden in einem inter- und transdisziplinären, partizipativen und dialogbasierten Forschungsprozess von ENavi entwickelt. Ein Entwurf des Ansatzes wurde bereits mit Expertinnen und Experten aus der Praxis sowie mit den Projektteams
der anderen Arbeitspakete diskutiert. Der vorliegende Bewertungsansatz berücksichtigt die vielseitigen Anregungen.

Das Kriterienset gliedert sich in:

  • Beitrag zu zentralen energie- und klimapolitischen Zielen sowie Kosten der Zielerreichung (Effektivität, Kosteneffizienz / Gesamtkosten, Resilienz)
  • Nebenwirkungen (Wirtschaftliche Planungssicherheit und Beitrag zur gesellschaftlichen Wohlfahrt, Schutz der menschlichen Gesundheit, Umwelt- und Ressourcenschonung, Förderung des sozialen Zusammenhalts)
  • Vereinbarkeit mit rechtlichen, politischen und ethischen Normen / Orientierungen (Legitimität, Ethische Akzeptabilität, Legalität)

Kein Kriterium reicht für sich allein aus, um den komplexen Anforderungen einer nachhaltigen Energiewende-Politik gerecht zu werden. In seiner Gesamtheit kann das Kriterienset die vielschichtigen Wirkungen ganzheitlich abbilden. Im Einzelfall können relevante Kriterien oder Unterkriterien hinzugefügt werden, um keine wichtigen Aspekte auszuschließen. Daraus resultiert eine Dimensionenübergreifende, vor allem aber ausgewogene Grundlage für eine Diskussion von Politikmaßnahmen zur Umsetzung der Energiewende.

Die Kriterien und deren Unterkriterien werden nachfolgend kurz beschrieben und mit möglichen Beispielmaßnahmen erläutert. Die Beispiele basieren auf den ENavi-Schwerpunktthemen Transformation des Stromsystems sowie Wärme- und Verkehrswende, die derzeit im Fokus öffentlicher Diskussion stehen.

Bewertungskriterien

Mit dem Kriterium „Effektivität“ wird der Grad der Erreichung von Zielen untersucht, die insbesondere die Bundesregierung für die Energiewende in Deutschland festlegt. Dies umfasst die Bereiche Treibhausgasemissionen, Anteil Erneuerbarer Energien, Energieverbrauch und -effizienz sowie Kernenergieausstieg.

Beispielfragen:

  • Treibhausgasemissionen: Welchen Beitrag leistet ein innerstädtisches Fahrverbot für Dieselfahrzeuge zur Reduktion der Treibhausgase?
  • Anteil Erneuerbarer Energien: Inwieweit erhöht sich der Anteil von Erneuerbaren Energien am Bruttoendenergieverbrauch des Mobilitätssektors durch ein innerstädtisches Fahrverbot für Dieselfahrzeuge?
  • Energieverbrauch/-effizienz: Senkt ein solches Verbot den Energieverbrauch im Verkehrssektor?

Beispielmaßnahme:

Diejenigen Fahrzeuge, die mit Dieselkraftstoff betrieben werden, erhalten strenge Auflagen für die Zufahrt in größere Städte („Dieselfahrverbot“). Ziel dieser Regelung ist es, die Feinstaubbelastung zu verringern und den Umstieg auf umweltfreundlichere
Alternativen anzureizen.

Im Kriterium „Kosteneffizienz / Gesamtkosten“ werden die finanziellen Auswirkungen energiepolitisch ergriffener Maßnahmen für Haushalte, Unternehmen und die Wirtschaft insgesamt untersucht. Wichtige Indikatoren sind neben den von den Politikmaßnahmen beeinflussten Preisen auch Mengen und Kosten – sowie deren Verhältnisse zu anderen Größen (zum Beispiel Bruttoinlandsprodukt). Nur in dieser Gesamtschau lassen sich daran anschließende Fragen nach Belastungswirkungen und Wettbewerbsfähigkeit untersuchen.

Beispielfragen:

  • Gesamtkosten: Inwiefern führt ein Dieselfahrverbot zu steigenden Energie- bzw. CO2-Preisen sowie zu steigenden Kosten für Haushalte, Unternehmen und die Wirtschaft?
  • Kosteneffizienz: Können andere energie- beziehungsweise klimapolitischen Maßnahmen die genannten Ziele zu geringeren Kosten erreichen?

Beispielmaßnahme:

Diejenigen Fahrzeuge, die mit Dieselkraftstoff betrieben werden, erhalten strenge Auflagen für die Zufahrt in größere Städte („Dieselfahrverbot“). Ziel dieser Regelung ist es, die Feinstaubbelastung zu verringern und den Umstieg auf umweltfreundlichere
Alternativen anzureizen.

Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Systems, seine Leistungsfähigkeit auch unter Stress aufrechtzuerhalten. Ein resilientes Energiesystem liefert beispielsweise zuverlässig Energie (etwa für Licht, Wärme und Fahrzeugantrieb); selbst, wenn äußere Störungen oder innere Ausfälle das System belasten. Resiliente Energiesysteme sind besonders gut auf unvorhergesehene Entwicklungen und den Umgang mit Unsicherheit vorbereitet.

Das Bewertungskriterium „Resilienz“ überprüft, ob politische Maßnahmen zumindest die folgenden Unterkriterien (förderliche Gestaltungsprinzipien) bei der Transformation berücksichtigen:

  • Diversität (Vielfalt, strukturell, funktionell und geographisch)
  • Redundanz (mehrfache Auslegung, strukturell und funktionell)
  • Feedbackmechanismen (Lernfähigkeit und ausgleichende Rückkopplungsschleifen)
  • flexible / optionale Kopplungen (Vermeidung der Schadensausbreitung)
  • Subsidiarität (vorrangige Problemlösung auf der Ebene, auf der das Problem anfällt)
  • Modularität (Baukastenprinzip, standardisierte Schnittstellen)

Beispielfragen:

  • Diversität: Werden wir abhängig von einzelnen Ressourcen (zum Beispiel Gas), wenn es weniger Wärmeerzeugungstechnologien (zum Beispiel Wärmepumpe, Gasheizung) am Markt gibt? Welche Risiken sind damit verbunden (zum Beispiel durch Gasimport)?
  • Feedbackmechanismen: Ist eine Anpassung oder Veränderung des Verbots vorgesehen, sollten sich die Rahmenbedingungen ändern, die zur Einführung veranlasst haben?
  • Subsidiarität: Berücksichtigt das Verbot, dass bestimmte Haushalte netzunabhängige Lösungen benötigen, weil eine Versorgung durch zentrale Versorgungsinfrastrukturen (übergeordnete Einheiten wie Gasleitungen) nicht möglich ist?

Beispielmaßnahme:

Ab 2020 ist die Installation von Heizölkesseln zur Nutzwärmeerzeugung gesetzlich verboten. Dieses Verbot gilt bei Anlagenerneuerung und im Neubau bei Ein- und Mehrfamilienhäusern.

Wirtschaftliche Planungssicherheit wird als Möglichkeit definiert, bei getätigten oder geplanten Investitionen innerhalb eines Zeitraums ein Mindestmaß an Rendite zu realisieren. Wirtschaftliche Beiträge zur gesellschaftlichen Wohlfahrt beziehen sich auf die Bereiche Wertschöpfung, Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Schaffung von Arbeitsplätzen, jeweils auf einzel- und gesamtwirtschaftlicher Ebene, betrachtet.

Beispielfragen:

  • Planungssicherheit: Gefährdet die Reduktion von Parkflächen in Innenstädten diese als Geschäftsstandort durch negative Effekte auf Wertschöpfung, Rendite und damit die unternehmerische Planungssicherheit? Oder führt die Aufwertung des öffentlichen Raumes gar zum Gegenteil?
  • Wohlfahrt: Bedeutet die Abkehr vom Planungsideal der „autogerechten Stadt“, dass sich der Pendlerverkehr reduziert? Und können einst ins städtische Umland abgewanderte Arbeitsplätze in die Stadt zurückkehren?

Beispielmaßnahme:

Der Parkraum für den motorisierten Individualverkehr in Innenstädten soll durch Flächenmanagement verringert werden. Dies soll die Nutzung umwelt- und sozialverträglicher Verkehrsmittel attraktiver machen und einen Beitrag zur Erhöhung der Qualität des städtischen Lebensraumes leisten.

Der Schutz der menschlichen Gesundheit vor schädlichen Stoffen sowie Lärm oder Strahlen ist Gegenstand dieses Kriteriums. Diese können im Zusammenhang mit der Produktion, dem Transport oder der Nutzung von Energie entstehen. Das Kriterium betrachtet dabei die „Output-Seite“ (die negativen Gesundheitswirkungen) und nicht die „Input-Seite“ (Gesundheits-Grundversorgung und Gesundheitsausgaben).

Beispielfragen:

  • Gesundheitsgefährdung über die Luft: Inwieweit verbessert sich durch einen beschleunigten Zubau von Erneuerbaren Energien die Luftqualität in Städten und auf dem Land?
  • Gesundheitsgefährdung über Nahrungsmittel: Verbessert oder verschlechtert die Förderung Erneuerbarer Energien die Schadstoffbelastung von Nahrungsmitteln?
  • Gesundheitsgefährdung über das Trinkwasser: Hat der Zubau eine Auswirkung auf die Qualität des Trinkwassers?
  • Gesundheitsgefährdung über Lärm und Strahlung: Wie stark erhöhen zusätzliche Windkraftanlagen lärmbedingten Stress?

Beispielmaßnahme:

Die beginnende Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors ist klimafreundlich zu gestalten. Da hierfür ein beschleunigter Zubau von regenerativen Energieanlagen nötig ist, müsste Deutschland das Erneuerbare-Energien-Gesetz für den Stromsektor reformieren.

Die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen in ausreichender Menge und Qualität ist äußerst wichtig für die Überlebens- und Entwicklungsfähigkeit heutiger und kommender Generationen. Dasselbe gilt für die Erhaltung der Funktionsfähigkeit von Ökosystemen. Aus diesem Grund behandelt der vorgestellte Bewertungsansatz die Verbräuche erneuerbarer und nicht-erneuerbarer Ressourcen und die Inanspruchnahme der Umwelt als Senke.

Beispielfragen:

  • Erneuerbare Ressourcen: Belastet die Errichtung neuer Wind und Solarparks die Funktionstüchtigkeit örtlicher Ökosysteme?
  • Nicht-erneuerbare Ressourcen: Führt die Förderung von Windkraftanlagen zu Interessenkonflikten und Engpässen bei seltenen Rohstoffen (zum Beispiel bei „seltenen Erden“ wie Neodym)?
  • Umwelt als Senke: Inwieweit gefährdet ein intensiver Anbau von Energiepflanzen die Regenerationsfähigkeit unseres Ökosystems?
  • Erhalt der kulturellen Funktion der Natur: Wird bei der Planung von Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung der kulturelle Wert unserer Umwelt ausreichend berücksichtigt?

Beispielmaßnahme:

Die beginnende Elektrifizierung des Wärme- und Verkehrssektors ist klimafreundlich zu gestalten. Da hierfür ein beschleunigter Zubau von regenerativen Energieanlagen nötig ist, müsste Deutschland das Erneuerbare-Energien-Gesetz für den Stromsektor reformieren.

Sozialer Zusammenhalt wird innerhalb dieses Kriteriums anhand von drei Aspekten definiert:

  1. Die Bereitschaft in der Gesellschaft, durch gemeinsame Aktivitäten zur Erreichung der Energiewendeziele beizutragen.
  2. Die wirtschaftliche Fähigkeit des Staates, die Daseinsvorsorge für die Menschen zu gewährleisten.
  3. Die wirtschaftliche Belastung der einkommensärmeren Haushalte durch Energiekosten im Blick zu behalten.

Beispielfragen:

  • Gemeinschaftswerk: Da Vermieter die Zusatzkosten einer energieeffizienten Sanierung bislang nicht so einfach auf die Mieterinnen und Mieter umlegen können, wird weniger saniert als möglich. Entschärfen erhöhte Fördersummen diese Situation? Problematisch erscheint zudem, dass die Belastung durch die Förderung gemeinschaftlich getragen, aber der Nutzen privatisiert wird. Würden Nicht-Eigentümer höhere Fördersätze ungerechter empfinden?
  • Daseinsvorsorge: Die Maßnahme beeinflusst die Einkommens- und Ausgabenseite des Staatshaushaltes. Kann der Staat zukünftig besser oder schlechter die Daseinsvorsorge für die Menschen gewährleisten?
  • Belastungssituation: Wie beeinflusst die Fördermaßnahme die Steuerlast einkommensschwacher Haushalte? Inwiefern wird auch die Einkommenssituation dieser Haushalte positiv beeinflusst (zum Beispiel durch Arbeitsplätze in der Bauwirtschaft)?

Beispielmaßnahme:

Der Staat bezuschusst die energieeffiziente Sanierung von Bestandsgebäuden (Gebäudehülle und Gebäudetechnik) durch deren Eigentümer mit attraktiven Krediten. Ausführendes Organ beziehungsweise ausführende nationale Förderbank ist die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Da die Sanierungsquote steigen soll, wäre eine Erhöhung der Fördersummen denkbar.

Eine politische Maßnahme ist dann legitim, wenn die direkt und indirekt Betroffenen (zum Beispiel Wohnungsmieter) sie unterstützen oder zumindest akzeptieren. Neben dem Inhalt einer Maßnahme ist auch der Prozess ihrer Entstehung und Einführung von Bedeutung. Diese Prozessschritte sollten transparent und unter Einbeziehung Betroffener organisiert sein. Schließlich hängt die Legitimität von Politik auch von den Institutionen ab, die mit der Politikumsetzung betraut sind. Je direkter eine demokratische Kontrolle über diese Akteure, zum Beispiel Bundesämter, ausgeübt werden kann, desto höher ist auch ihre Legitimität.

Beispielfragen:

  • Zustimmung betroffener Akteure: Stoßen die Fördermaßnahmen auch bei Mieter auf Zustimmung, die nicht direkt davon profitieren, weil ihnen kein renovierungsbedürftiges Gebäude gehört?
  • Faire Prozessgestaltung und Beteiligungsmöglichkeiten: Wie legt die Kreditanstalt für Wiederaufbau die (erhöhten) Fördersätze fest? Welche Interessensvertreter sind an der Festsetzung der Fördersätze beteiligt? Ist der Prozess für alle Beteiligten und die Öffentlichkeit transparent?
  • Demokratische Kontrolle verantwortlicher Institutionen: Unterliegt die Kreditanstalt für Wiederaufbau einer angemessenen demokratischen Kontrolle? Wie sind die Mechanismen für diese Kontrolle gestaltet?

Beispielmaßnahme:

Der Staat bezuschusst die energieeffiziente Sanierung von Bestandsgebäuden (Gebäudehülle und Gebäudetechnik) durch deren
Eigentümer mit attraktiven Krediten. Ausführendes Organ beziehungsweise ausführende nationale Förderbank ist die Kreditanstalt für
Wiederaufbau. Da die Sanierungsquote steigen soll, wäre eine Erhöhung der Fördersummen denkbar.

Das Kriterium „Ethische Akzeptabilität“ bewertet Energiewendemaßnahmen unter Gesichtspunkten wie Gerechtigkeit, Zumutbarkeit (etwa von Lasten oder Risiken) oder des Respekts vor Autonomie. Dabei nimmt es eine normative Bewertung vor, die nach der Qualität von Gründen und Begründungsstrategien fragt. Es unterscheidet sich damit von der empirisch-soziologischen Frage nach Akzeptanzhaltungen.

Beispielfragen:

  • Gerechtigkeit: Fällt die Maut für Bürger mit niedrigem Haushaltseinkommen entsprechend geringer aus (Mautkostenverteilung relativ zur Zahlungsstärke)?
  • Zumutbarkeit: Wie sehr beschränkt die Maut den Lebensalltag? Beziehungsweise wie aufwendig wird die Anpassung an die neuen Umstände, um die ursprüngliche Lebensgestaltung fortzuführen (spontane Besuche in der Stadt, Mehrkosten)?
  • Respekt vor Autonomie: Inwiefern greift die Einführung einer solchen Stadtmaut vor dem Hintergrund der (Un-)Zumutbarkeit unzulässig in die persönliche Lebensgestaltung ein?

Beispielmaßnahme:

Eine innerstädtische Maut ist für den motorisierten Individualverkehr geplant. Die Gebührenhöhe soll sich dabei nach dem CO2-Ausstoß richten, um den Umstieg auf klimafreundliche Verkehrsmittel anzureizen.

Der Begriff der Legalität beschreibt die Eigenschaft einer Maßnahme dahingehend, ob sie mit dem geltenden Recht vereinbar oder unvereinbar ist. Bei einer Prüfung werden der rechtsetzende Akteur, zum Beispiel die Bundesregierung, und sein Kompetenzbereich, die gewünschte rechtliche Handlungsform sowie in Abhängigkeit dazu die jeweiligen Grenzen des geltenden Rechts erfasst.

Beispielfragen:

  • Rechtsetzender Akteur und sein Kompetenzbereich: Kann der Bund ein Gesetz erlassen, das Abschaltzeitpunkte für Kohlekraftwerke vorsieht?
  • Rechtliche Handlungsform: Kann der Bund ein solches Gesetz als Parlamentsgesetz erlassen?
  • Grenzen des geltenden Rechts: Ist ein solches formelles Bundesgesetz mit Unions- und Verfassungsrecht vereinbar? Müsste es hierfür Übergangs- und/oder Entschädigungsregelungen vorsehen?

Beispielmaßnahme:

Deutschland beschließt aus der Verstromung von Kohle in Stein- und Braunkohlekraftwerken auszusteigen. Das soll nach einem strikten Plan geschehen, der den Kraftwerksbetreibern vorschreibt, wann welches Kraftwerk vom Stromnetz gehen muss.

Prof. Ortwin Renn

Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS), +49 331 28822 463, ortwin.renn@iass-potsdam.de

  • Projektsprecher von ENavi
  • Leiter Arbeitspaket 11 Multikriterielle Bewertung
  • Themenkoordinator Intelligente Nutzung im Strom- und Wärmebereich

Publikationen aus Arbeitspaket 11

Multikriterieller Bewertungsansatz für eine nachhaltige Energiewende

Broschüre

Zur Broschüre

Sind Reallabore der Weg zu transdisziplinärer Forschung?

Analyse von Prof. Renn in der Zeitschrift GAIA (Text auf Englisch)

Zum Artikel

Entscheidungshilfe:

Wie die transdisziplinäre Forschung zum Gelingen der Energiewende beitragen?

Zum Artikel
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