Interview mit Prof. Kai Hufendiek

Prof. Kai Hufendiek vom Institut für Energiewirtschaft an der Universität Stuttgart erklärt im Interview, warum Sektorkopplung für die Energiewende so wichtig ist, wie Ingenieuere, Sozialwissenschaftler, Ökonomen und Experten aus anderen Fächern bei ENavi zu gemeinsamen Ergebnissen kommen und wie man die Themen findet, die den Menschen unter den Nägeln brennen.

Die Sektorkopplung ist für die Energiewende ein wichtiges Thema. Welche Rolle spielt sie bei ENavi?

Die Verbindung der Bereiche Strom, Wärme und Verkehr ist ein ganz zentrales Element unseres Projekts. Wir sind Analytiker des Energiesystems, deshalb können wir mit den Ergebnissen unserer Szenario-Rechnungen einen großen Beitrag für die Politik leisten. Wir können zeigen, wie verschiedene Gestaltungsoptionen aussehen, welche Vor- und Nachteile sie haben und wie einzelne Maßnahmen zusammenwirken. Außerdem versuchen wir im Rahmen von ENavi jetzt auch in der Zusammenarbeit mit den Sozialwissenschaften einzuschätzen, welche Lösungen für die Bevölkerung akzeptabel wären. Die einzelnen Sektoren müssen wir dabei sehr viel enger und dynamischer miteinander verknüpfen, statt jeden Sektor für sich zu betrachten. Darin liegt sehr viel Potential!

Wie sieht es denn mit der Akzeptanz der Wirtschaft aus?

Die Kopplung der Sektoren miteinander wird massive Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle haben. Gas beispielsweise wird in einigen Szenarien durch Wärmedämmung an Absatz im Bereich Raumwärme verlieren – das bedeutet, dass die Netze weniger ausgelastet wären. Die Tarifmodelle verändern sich, die Sektoren Strom, Wärme, Verkehr ebenfalls. Aber ich bin mir sicher, wenn die Wirtschaft die Freiheit hat, darauf reagieren zu können, wird sie sich sehr schnell darauf einstellen. Möglicherweise wird Gas mittelfristig durch die Sektorkopplung mit Kraft-Wärme-Kopplung und in der Bereitstellung von Flexibilität für den Stromsektor dann sogar an Bedeutung gewinnen. Und langfristig könnte Power-to-Gas die Gasnetze dringend benötigen. Sie sehen, wir können hier nicht einfach eindimensional denken.

Was kann jeder einzelne von uns zur Energiewende beitragen?

Wenn wir unser Verhalten ändern, können wir einen großen Beitrag leisten für eine saubere Energieversorgung. Nehmen Sie zum Beispiel die Smartphones und wie sie unsere Fortbewegung verändert haben. Im Nahverkehr können wir die beste Verbindung suchen, die Fahrkarte online kaufen – der Faktor Zeit und der Faktor Komfort trägt ganz erheblich dazu bei, ob wir bereit sind, mit Bus und Bahn statt mit dem eigenen Auto zu fahren. Deshalb ist immer die Frage, welche Lösungen wir anbieten können, ohne dass die Menschen Abstriche bei ihrem Nutzen machen müssen. Und wir wollen genau an den Themen arbeiten, die den Leuten unter den Nägeln brennen. Wir wollen einen Prozess entwickeln, mit dem sich die Gesellschaft besser abgeholt fühlt!

 Was macht ENavi anders als bisherige Forschungsprojekte?

Bei ENavi werden wir das Wissen der Ingenieure und das Wissen der Sozialwissenschaftler, aber auch der Ökonomen und anderer Fachrichtungen miteinander verbinden und zu gemeinsamen Ergebnissen kommen. Wir als Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart haben uns im Forschungsverbund „Stuttgart Research Initiative on Integrated Systems Analysis for Energy“, genannt STRise, mit drei anderen international renommierten Forschungseinrichtungen aus Stuttgart zusammengeschlossen, um die Kompetenzen der Ingenieure und der Sozialwissenschaftler für die Energiewende zu bündeln.

Warum ist das wichtig für das Projekt ENavi?

Weil Akzeptanzprobleme entstehen können, wenn technische Probleme nur technisch und ökonomisch gelöst werden und die gesellschaftliche Perspektive dabei zu wenig berücksichtigt wird. Dann kann man nicht im Nachhinein zu den Sozialwissenschaftlern sagen: Löst das mal! Schafft Akzeptanz!

Die Transformation müssen wir alle gemeinsam gestalten, das ist ein zentrales Thema für die Energiewende: Wie gestalten wir diesen Prozess transdisziplinär so, dass wir Lösungen entwickeln, die für die gesamte Gesellschaft relevant sind?

Wie funktioniert das Energiewende-Navigationssystem?

Es geht bei ENavi genau um diese Frage: Welche Szenarien für die Energiewende betrachten wir und wie können wir die Folgen von Interventionen, die heute passieren, für die Zukunft besser abschätzen? Dabei erforschen wir zum einen Veränderungen im Bereich der Großtechnologien, wie z. B. die Dekarbonisierung im Bereich von Strom und Wärme mit allen ihren Auswirkungen. Dazu gehören z. B. Stromleitungen von Nord nach Süd ebenso wie integrative soziale Strukturen in den Regionen des Braunkohleabbaus. Wenn wir die Menschen nicht von Anfang an in unsere Planung mit einbeziehen, laufen uns die Kosten irgendwann weg. Dann stimmen die Kalkulationen nicht mehr.

Dasselbe gilt für den Bau von großen Windparks und Kraftwerken – die haben auch große Auswirkungen auf die Menschen vor Ort. Vielleicht wären wir an manchen Orten mit kleineren Anlagen besser unterwegs. Da brauchen wir dann aber mehr davon. ENavi versucht, Mechanismen zu finden, um bei solchen Fragen zu einer Lösung zu kommen und Werkzeuge zur Verfügung zu stellen.

Wie können diese Werkzeuge aussehen?

In unseren Modellregionen werden Kundenpräferenzen und das Verhalten der Akteure erforscht, zum Beispiel im Verkehrsbereich: Wie kann ich weniger CO2-Ausstoß im Verkehr erzeugen, und die Bevölkerung dabei mitnehmen? Auch Strom und Wärme müssen wir dekarbonisieren! Hier wollen wir durch die Einbindung möglichst aller Stakeholder in Fokusgruppen entsprechende Lösungsoptionen finden und passende Entwicklungspfade aufzeigen.

Nachhaltigkeit ist sehr viel umfassender als nur Umweltschutz zu verstehen. Sie enthält sowohl ökonomische, ökologische, als auch soziale Aspekte. Gerade die sozialen Aspekte lassen wir sehr häufig außen vor bei den Betrachtungen, die gehören aber unbedingt mit in die Forschungsfragen.

Gilt das auch für den Kohleausstieg?

Bei der Diskussion über den Kohleausstieg kommen alle diese Faktoren zusammen. Es ist ein Dilemma: Wir müssen mit unseren Emissionen runter, gleichzeitig fehlt für den Kohleausstieg eine breite Unterstützung – speziell in den betroffenen Regionen und Menschen. Das ist verständlich. Deshalb ist es wichtig, dass wir in Fokusgruppen kontrovers darüber diskutieren, wie wir die Emissionsminderungsziele im Stromsektor erreichen können und dabei Kompromisse finden, die auf eine hohe Akzeptanz auch bei den Betroffenen stoßen. Wir müssen einen Weg finden, der für alle in Ordnung ist – die Beschäftigten, die Unternehmen und die Umwelt!

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