Interview mit Professor Ortwin Renn

Prof. Ortwin Renn, Direktor des Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam, analysiert die Ergebnisse der drei anderen Kopernikus-Projekte und entwickelt daraus ein Navigationsmodell. Das soll die Frage beantworten: Was müssen wir tun, damit die Energiewende gelingt?

Wie ist das Projekt ENavi zustande gekommen?

Der Ursprung war die Zusammenarbeit in unserer Helmholtz-Allianz Energy-Trans, in dem es um die gesellschaftlichen Fragen zur Energiewende ging - und um mögliche Antworten darauf. Das Kopernikus-Projekt ist eine Fortführung dieser Richtung der sozialwissenschaftlichen Systemanalyse, in der wir auch Beispielprojekte aus anderen Ländern berücksichtigen, erweitert um die technischen Kompetenzen der Fraunhofer-Gesellschaft und anderer Institute.

Ihr Projekt hat einen anderen Ansatz als die anderen drei Kopernikus-Projekte. Sehen Sie sich als Exot?

Nein, aber die anderen drei Projekte haben natürlich ein deutlich technischeres Profil. Das ist auch gut so, damit unsere Analyse des Inputs aus den anderen Projekten einerseits darüber hinausreicht und wir andererseits herausfinden können, wie die Forschungsergebnisse der anderen am besten im Zusammenspiel funktionieren. Dafür brauchen wir deren Input. Das Gute an dieser Konstellation ist, dass es drei zentrale technische Herausforderungen gibt, an denen die jeweiligen Experten arbeiten, und wir hinterher zeigen können, wie sich diese in ein Gesamtsystem integrieren lassen.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit den anderen Projekten vor?

Wir Sprecher der vier Projekte haben uns schon ausgetauscht und vereinbart, dass wir jeweils in den Beiräten der anderen mitwirken wollen. So bringen wir unsere Kompetenzen in alle Projekte ein und stehen in engem Austausch. Außerdem treffen sich die Kopernikus-Leiter einmal im Jahr persönlich und ein weiteres Mal zu einer Video-Konferenz.

Was sind die Ziele?

Das erste Ziel ist ganz klar die sektorübergreifende Integration von Wärme, Kraft und Mobilität im Sinne der Energiewende, also energieeffizient und digital. Aber es gibt noch zwei weitere: Das zweite Ziel ist die so genannte Interventionsfolgenabschätzung. Das heißt, wir wollen herausfinden, welche Folgen politische Entscheidungen auf das komplexe Energiesystem haben. Ein Beispiel könnte die Prämie sein, die für den Kauf eines Elektroautos gezahlt wird. Hat das Folgen für die Kaufentscheidungen und wenn ja, wie wirkt sich das auf die Elektromobilität insgesamt aus? Und das dritte Ziel ist, die Determinanten zu bestimmen, die zum Erfolg der Energiewende beitragen. Da geht es um das individuelle Verhalten der Haushalte, aber auch um neue Geschäftsmodelle.

Welche Rolle nimmt dabei das Navigationsinstrument ein, das Sie entwickeln wollen?

Das ist das zentrale Element unseres Projekts – ein Navigationsmodell, in das wir alle Informationen eingeben, die uns zur Verfügung stehen. Das kann man sich vorstellen wie einen Zentralcomputer in einem Science-Fiction-Film, der mit allen Informationen gefüttert wird und dann die Ergebnisse berechnet. Wir werden auch mit Informationen arbeiten – sei es mit Energieszenarien, Simulationen, oder Verhaltensweisen, und unser Modell soll Wege aufzeigen, wie wir bestimmte Ziele erreichen können. Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel – wir werden natürlich auch auf die Grenzen unserer Aussagekraft hinweisen. Aber wir denken schon, dass es uns gelingen wird, damit einiges an Komplexität darzustellen.

Wie sehen die ersten Schritte aus?

Zunächst werden wir an einer Matrix mit allen Partnern weiterarbeiten, in der steht, was ich vom Partner brauche und welche Informationen ich ihm zur Verfügung stellen kann – damit auch jeder weiß, was er von dem anderen erwarten kann und was er ihm zuliefern muss. Noch im November wollen wir mit den analytischen Arbeiten beginnen und im ersten Jahr auch unser Navigationsinstrument in den Grundzügen entwickeln. Wir rechnen in den ersten zwölf Monaten noch nicht mit großartigen Ergebnissen, denn um die erarbeiten zu können, müssen wir genau wissen, was die anderen drei Projekte machen. Nur so gelingt die Integration vom ersten Tag an.

Hat der längere Förderzeitraum der Kopernikus-Projekte einen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Natürlich! Projekte, die auf zehn Jahre ausgelegt sind, gibt es nur sehr selten und sind eine ganz tolle Chance für uns. Denn wir können Ideen bis zum Ende durchdenken. Das hat sich bewährt: Wenn man dicke Bretter bohren will, braucht man Zeit. Wir können jetzt noch nicht alle Entwicklungen bis 2026 absehen. Deshalb besteht ein weiterer Vorteil darin, die Flexibilität für die Forscher zu bewahren, wenn sich während des Projekts die Rahmenbedingungen ändern.

Was heißt das?

Dass wir offen sind für Umweltveränderungen, für soziale und politische Veränderungen und uns daran anpassen können. Nur dann können wir auch unser Navigationstool sinnvoll einsetzen.

Was sind die größten Hürden?

Es ist natürlich ein enormer Organisationsaufwand, mit so vielen verschiedenen Partnern gemeinsam an einem Forschungsprojekt zu arbeiten. Das Navigationstool ist ein Versprechen, das wir gerne einlösen möchten. Dafür müssen wir die technische Infrastruktur aufbauen, die sich auch entsprechend an viele künftige Veränderungen anpassen kann.

Wie binden Sie die Gesellschaft mit ein in Ihr Projekt?

Auf mehreren Ebenen: Wir sind Gesellschaftswissenschaftler. Es ist also für uns der Hauptauftrag, Positionen aus der Gesellschaft analytisch mit in unsere Forschung einzubeziehen. Dabei ist unser Auftrag in der transdisziplinären Forschung die Aufklärung: Wir beziehen Meinungsträger und Entscheidungsträger mit ein und entwickeln im Austausch mit ihnen Verfahren, mit deren Hilfe die Bürger informierte Entscheidungen treffen können. Das bedeutet für uns eine sehr enge Zusammenarbeit mit der Politik und den Behörden, mit anderen Wissenschaftlern, mit Unternehmen und weiteren Akteuren der Zivilgesellschaft.

Werden Sie damit gesellschaftliche Debatten beeinflussen?

Ja, das hoffe ich, und ich denke auch, dass es gelingen kann. In dieser Hinsicht haben wir hier eine – sehr passend zu diesem Thema – katalytische Funktion für die Entscheidungsfindung: Wir können das Partizipationsverfahren und das Verfahren der Entscheidungsfindung verbessern, Veränderungsprozesse vereinfachen oder sie überhaupt erst in Gang setzen und die passenden Strukturen dafür schaffen. Damit können wir helfen, den Zielen der Energiewende ein ganzes Stück näher zu kommen.

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