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18.10.2018 | ENavi

Biomasse oder Kohle?

Fraunhofer ISI
Quelle: Fraunhofer ISI

Erdgas, Erdöl, Biomasse, Kohle: Welche Energieträger die Industrie nutzt, spielt eine wichtige Rolle für die Energiewende. Das Kopernikus Projekt-ENavi hat ihre Präferenzen in einer Umfrage untersucht und daraus ein Modell erarbeitet. Die wichtigste Erkenntnis: Es wird in Zukunft voraussichtlich weniger Kohle genutzt als bisher.

Die Industrie ist für 20 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich[1]. Das ist etwas mehr als im Verkehrssektor entstehen und doppelt so viel wie alle Haushalte zusammengerechnet verursachen. Zwei Drittel dieser Emissionen sind energiebedingt[2]. Ein Drittel entsteht bei industriellen Prozessen, zum Beispiel bei der Zementherstellung.

Das Fraunhofer Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) untersucht in ENavi die energiebedingten CO2-Emissionen, die in der industriellen Produktion entstehen, um Dampf zu erzeugen. Dampf wird dort überwiegend als Wärmeträger eingesetzt. Der Dampfbedarf der deutschen Industrie macht ca. 40 Prozent, also 200 Terawattstunden (TWh), ihres gesamten Wärme- und Kältebedarfes von 512 TWh aus[3]. Die Größenordnung ist vergleichbar mit dem Verbrauch von Erdgas im Haushaltssektor (257 TWh)[4]. Dampf ist vielfältig einsetzbar: Die Papierindustrie nimmt ihn zum Trocknen, die Chemieindustrie zur Ammoniakherstellung (Dampfreformierung), die Nahrungsmittelproduzenten für verschiedene Prozesse.

In ENavi hat das Fraunhofer ISI nun die Präferenzen von Entscheidern in der Industrie untersucht. Damit können die Forschenden ihre Energiesystemmodelle realitätsnäher gestalten[5]. Diese Modelle setzen sie dann ein, um komplexe Zusammenhänge in Energiesystemen zu veranschaulichen und die Wirksamkeit verschiedener politischer Handlungsoptionen abzuschätzen. Sie sind also für die Politikberatung sehr gut geeignet, denn Politiker können damit ihre Entscheidungen auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen.  

Ein zentrales Ergebnis der Befragung: Biomasse und Erdgas sind attraktiver sind als Kohle und Öl. Die Dampferzeugung durch Biomasse kann um bis zu 3 Cent pro Kilowattstunde teurer sein als durch Kohle, ohne dadurch an Attraktivität zu verlieren. Dies würde mögliche Kostenvorteile der Kohle weitgehend relativieren. Zugleich zeigen sich jedoch keine signifikanten Unterschiede zwischen der Attraktivität von Biomasse und Erdgas, obwohl Dampferzeugung durch Erdgas mit höheren CO2-Emissionen verbunden ist. Es gibt also wahrscheinlich neben den CO2-Emissionen noch weitere Einflussfaktoren. So könnte zum Beispiel das Image der Energieträger von Bedeutung sein – dieser Aspekt sollte zukünftig untersucht werden.

Im Vergleich zu den bisher verwendeten Modellparametern, die auf Expertenschätzungen beruhen, weisen die vorläufigen Modellergebnisse unter Berücksichtigung der Umfrageergebnisse geringere Kohlenutzung aus (siehe Bild). Allerdings ist in diesem Bereich weitere Forschung dringend erforderlich, da die Industrie von einer Vielzahl heterogener Akteursgruppen gekennzeichnet ist. Bislang liegen dafür noch keine ausreichenden Daten vor. Die Ergebnisse dieser Umfrage leisten daher einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Entscheiderverhaltens.

 

[1]: Umweltbundesamt: Indikator: Emission von Treibhausgasen

[2]: Umweltbundesamt: Treibhausgas-Emissionen in Deutschland

[3]:Heat Roadmap Europe

[4]: Eurostat Energiebilanz

[5]: FORECAST Modellbeschreibung

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