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25.01.2019 | ENavi

Decision Theater zur nachhaltigen Mobilität

Jonathan Schanz
Quelle: Jonathan Schanz

Als ein neues, interaktives Forschungsinstrument fördert das „Decision Theater“ des Global Climate Forum (GCF) und der Leuphana Universität Lüneburg den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft.

Was tun Millionen von Akteuren, wenn sie mit einer Subvention für Elektroautos konfrontiert werden? Oder mit einem Fahrverbot für schwere Fahrzeuge wie SUVs in Städten? Einige könnten ihr Auto gegen ein Elektrofahrzeug eintauschen, andere ein kleineres herkömmliches Auto für die Stadt kaufen, während wiederum weitere vielleicht auf Carsharing oder öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

Stakeholder aus Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft, die am 28. November im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu einem neuen Diskussionsformat zum Thema „Transformation des Mobilitätssektors - Zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit” zusammen kamen, konnten im „Decision Theater” des Global Climate Forum und der Leuphana Universität Lüneburg interaktiv nach Antworten auf diese Fragen suchen.

Ausgehend von den Zielen der deutschen Bundesregierung, die Treibhausgasemissionen im Mobilitätssektor in Deutschland bis 2030 um 38 Prozent zu reduzieren, diskutierten die anwesenden Stakeholder ihre Vorstellungen von einer Transformation des Mobilitätssektors. Unterstützt wurde die Diskussion von fünf interaktiven Bildschirmen, auf denen verschiedene Szenarien dargestellt wurden. Die Szenarien wurden mithilfe des von GCF entwickelten Mobility Transition Model (MoTMo), einem detaillierten, agentenbasierten Modell zur Mobilitätsnachfrage in Deutschland, berechnet. Es spiegelt die deutsche Bevölkerung wider und erlaubt daher auch den Blick auf bestimmte Haushaltstypen, Einkommensklassen und räumliche Verteilungen.

Stakeholder hatten die Möglichkeit, in die Details verschiedener Szenarien einzutauchen: zunächst in ein Business-as-usual-Szenario, das 2035 zu höheren Emissionen führt. Anschließend wurde ein Szenario gezeigt, in dem die Digitalisierung die Nachhaltigkeit unterstützt (Smart Green). Dabei wurden die Auswirkungen von zehn verschiedenen Maßnahmen im Mobilitätsbereich auf die Wahl des Verkehrsmittels in Haushalten, auf Emissionen und auf die Verteilung von herkömmlichen Autos oder Elektroautos in Regionen und Städten sichtbar. Darunter waren Politikmaßnahmen wie zum Beispiel ein CO2-Preis für Kraftstoffe, Ereignisse wie etwa sinkende Weltmarktpreise für Elektrofahrzeuge und Investitionsoptionen, zum Beispiel für eine bessere Fahrradinfrastruktur.

Danach durften die Beteiligten auch selbst verschiedene Zukunftsszenarien entwerfen: In kleinen Gruppen, mit Tablets ausgestattet, konnten sie ihre eigenen Szenarien zur Transformation der Mobilität zusammenstellen, indem sie die oben genannten Maßnahmen kombinierten und ihre Ergebnisse dann live auf den großen Bildschirmen analysieren konnten.

Die Diskussion im Rahmen des Events konzentrierte sich auf soziale Aspekte einer Verkehrswende sowie auf den Umgang mit Gewohnheiten in der Mobilität. Die Teilnehmer betonten, dass Menschen, die aufgrund eines niedrigeren Einkommens weniger Wahlmöglichkeiten im Bereich Mobilität haben, nicht benachteiligt werden dürften. Ein wichtiger Eckpunkt der Diskussion, im Hinblick auf urbane Veränderungen, war der Wunsch nach weniger Autos auf den Straßen. Ein reiner Ersatz konventioneller Fahrzeuge durch Elektrofahrzeuge wurde daher als nicht erstrebenswert betrachtet. Durch viele verschiedene Möglichkeiten, Daten und Modell-Projektionen auf den Bildschirmen anzuzeigen, konnten auch unbeabsichtigte Folgen von Politikmaßnahmen sichtbar gemacht werden. Ein Beispiel ist ein höheres Angebot an Carsharing, das die Emissionen erhöht, weil viele Menschen, die vor der politischen Maßnahme Fahrräder und Busse benutzten, auf die Mietautos umsteigen. Bessere digitale Angebote allein führten daher in den Modell-Projektionen nur zu geringer Emissionsminderung und mussten durch andere Maßnahmen unterstützt werden, um die Nachhaltigkeit im Mobilitätsbereich zu fördern.

Durch die Diskussion im „Decision Theater” haben die Forscher des Global Climate Forum wichtiges Feedback von Stakeholdern zum Computermodell MoTMo sowie über die Interaktion zwischen Wissenschaft und Gesellschaft erhalten. Einerseits wurden mit den Stakeholdern Annahmen des Modells diskutiert – etwa die Prognose für die Entwicklung des Strommixes in Deutschland, die maßgeblich die Nachhaltigkeit von Elektromobilität beeinflusst – und andererseits weitere politische Optionen zur Modellerweiterung, wie zum Beispiel die Förderung von on-demand ÖPNV im ländlichen Raum, ausgearbeitet.

Der Wert eines solchen digitalen Forschungsinstrumentes in Zeiten schwieriger gesellschaftlicher Diskurse wurde in der Veranstaltung deutlich benannt und aufgezeigt: das „Decision Theater“ ermöglicht, auf Fakten und Zahlen gestützt, die Entwicklung von Narrativen. Die Narrative können den Erkenntnisraum für Entscheidungsträger oder Bürger erweitern. Dies kann sowohl auf der Grundlage von Modell-Szenarien, als auch durch die Visualisierung von qualitativen und quantitativen Daten geschehen. Durch die Interaktion mit dem Modell können die Beteiligten wiederum zur Verbesserung wissenschaftlicher Ergebnisse und Methoden beitragen.

Damit baut das „Decision Theater“ am GCF zwar auf der Methodik der Arizona State University auf, welche Daten und Simulationen in einer Art „Kinoumgebung“ zeigt, um Gruppendiskussionen zu begleiten. Es unterscheidet sich jedoch in drei wichtigen Punkten:

  • Erstens ist das „Decision Theater“ von GCF und Leuphana mobil einsetzbar und kann damit schnell zu den relevanten Stakeholdern gebracht werden.
  • Zweitens können die Stakeholder sich aufgrund der Struktur des Modells mit einzelnen Agenten identifizieren und somit die Bedeutung politischer Maßnahmen für den einzelnen Bürger besser erfassen.
  • Drittens findet ein iterativer Austausch mit den Stakeholdern statt, der zu einer stetigen Anpassung von Narrativen und Modell führt.

Damit ist das „Decision Theater“ als ein hochflexibles Forschungsinstrument angelegt, das Forschungsprozesse über mehrere Jahre begleiten und strukturieren kann. Insbesondere die frühe Einbindung der Stakeholder, über interaktive Events mit Werkstattcharakter, erlaubt es den Forschern, ihre Arbeit fortlaufend zu validieren und den gesellschaftlichen Akteuren, Ownership in den Projekten zu entwickeln.

Somit wird das „Decision Theater” am Global Climate Forum im Zusammenspiel mit einem breiten Spektrum an Stakeholdern kontinuierlich weiterentwickelt, damit es an unterschiedlichen Orten in Diskussionen eingebracht werden kann – vom Rathaus im Bezirk bis zur großen Klimakonferenz. Thematisch soll die Diskussion im Rahmen von ENavi auch auf Themen wie das Energiesystem und seine Netze sowie die Ungleichheit auf dem Wohnungsmarkt ausgedehnt werden. Die nächste Veranstaltung mit dem Decision Theater zum Thema Mobilität findet an der Leuphana Universität Lüneburg im Rahmen der Konferenz „Leverage Points for Sustainability Transformation vom 6. bis 8. Februar statt.

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