30.04.2021 Ariadne

Wie der EU-Emissionshandel gestaltet sein müsste, um zum Erreichen der Klimaziele beizutragen

Ein kleines, technisches Detail könnte am Ende darüber entscheiden, ob Deutschland seine Klimaschutzziele erreicht – oder nicht: die sogenannte Marktstabilitätsreserve (MSR). Eine Analyse der Ariadne-Experten erklärt, warum.

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Foto: ©Stefan Loss - stock.adobe.co

Ursprünglich wurde die Marktstabilitätsreserve eingeführt, um Nachfrageschocks im EU-Emissionshandel abzufedern, klimafreundliche Innovationsanreize zu setzen und Synergien zu anderen klima- und energiepolitischen Bemühungen zu schaffen. In der Realität bewirkt sie teilweise jedoch das Gegenteil – das zeigt eine aktuelle Ariadne-Analyse von Wissenschaftlern der Universität Hamburg und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Die Forscher kommen zu dem Schluss: Eine Reform muss her, sonst werden die Klimaschutzmaßnahmen in der deutschen Energiewende nicht verlässlich greifen können. In ihrer Analyse zeigen sie auf, wie diese Reform aussehen könnte.

Der EU-Emissionshandel

Seit 2005 ist der Emissionshandel das zentrale Instrument der EU zur Reduktion der Treibhausgasemissionen und damit das Hauptinstrument zur Umsetzung der EU-Klimaziele. Dem Emissionshandelssystem unterliegen die Energiewirtschaft, energieintensive Industrien und der innereuropäische Luftverkehr. Teilnehmende Unternehmen müssen für die von ihnen verursachten Emissionen entsprechende Zertifikate einreichen und können diese untereinander handeln.

Die Marktstabilitätsreserve

Die Funktionsweise des Emissionshandels steht fortlaufend unter Beobachtung, um sicherzustellen, dass er wirkt. Als ein Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage zu einem Überschuss an Zertifikaten geführt hat, wurde die Marktstabilitätsreserve eingeführt. Die Regelungen für die Marktstabilitätsreserve sehen vor, dass das Angebot an Zertifikaten jährlich an die Überschusssituation im Emissionshandelsmarkt angepasst wird: Wenn die Überschussmenge 833 Millionen Zertifikate übersteigt, wird die Versteigerungsmenge des jeweiligen Jahres um 24 Prozent des Überschusses verringert. Umgekehrt wird die jährliche Versteigerungsmenge um 100 Millionen Zertifikate erhöht, wenn der rechnerische Überschuss 400 Millionen Zertifikate unterschreitet oder es zu starken Preissprüngen kommt.

Anfangs hat die Marktstabilitätsreserve ihren Zweck durchaus erfüllt. Sie konnte den historischen Überschuss an Emissionsrechten reduzieren und damit das Vertrauen in den EU-Emissionshandel wiederherstellen. Doch bei Betrachtung des voraussichtlichen künftigen Marktgeschehens, fällt auf, dass die MSR ihre Zwecke häufig nicht mehr wird erfüllen können. Vom Stromsparen in den eigenen vier Wänden bis hin zum Kohleausstieg in Deutschland: Im Extremfall wird die MSR durch ihre mengenbasierte Angebotssteuerung auf solche Veränderungen nicht mit weniger, sondern mit mehr CO2-Emissionen reagieren. Die Situation ist paradox: Je ambitionierter und vorausschauender Deutschland die Klimapolitik parallel zum Emissionshandel gestaltet, desto stärker arbeitet die Markstabilitätsreserve dagegen.

Die Ariadne-Fachleute schlagen deshalb statt der Marktstabilitätsreserve eine Preisstabilitätsreserve vor, also eine Ausrichtung des Emissionshandels am Preis. Dadurch soll sich der Emissionshandel verlässlich stabilisieren und seine Klima- und Kostenwirkung soll verbindlich festgelegt werden. Erst mit einer Preisstabilitätsreserve, so das Fazit der Autoren, lassen sich nationale Maßnahmen der Energiewende effektiv auf den EU-Emissionshandel abstimmen. Und das würde eine echte Investitions- und Planungssicherheit für alle Akteure bedeuten – von einzelnen Haushalten bis zum Bund.

 

Weiterführende Links:

Grischa Perino, Michael Pahle, Fabian Pause, Simon Quemin, Hannah Scheuing, Maximilian Willner (2021): EU ETS Stability Mechanism Needs New Design – Policy Brief.

Mini Lecture Series |Grischa Perino: The EU Emission Trading System has a broken autopilot

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