24.04.2026 SynErgie
Transformation auf Augenhöhe: Stahlwerk live erlebt
Stahlproduktion, Energiewende und ein Werksbesuch, der zeigt: industrielle Dekarbonisierung ist nicht abstrakt. Sie läuft bereits, ganz praktisch. Das haben Promovierende nun im Rahmen der SynErgie-Reihe „Visit the Best“ erlebt - und viele wertvolle Eindrücke in ihr akademisches Leben mitgenommen.
Duisburg, ein sonniger Dienstagmorgen im April. Wer zum ersten Mal vor einem Hochofen steht, versteht sofort, warum dieser Ort für die Energiewende so entscheidend ist. Nicht wegen seiner Symbolik. Wegen seiner schieren Größe. Für die Herstellung einer Tonne Stahl fallen am Standort Duisburg rund 2,1 Tonnen CO2 an — mal elf Millionen Tonnen Jahresproduktion ergibt das eine Zahl, bei der alle Spreadsheet-Modelle dieser Welt ihre Grenzen zeigen.
Genau hierhin kamen Anfang April Promovierende des Kopernikus-Projekts SynErgie, um zu sehen, was industrielle Transformation wirklich bedeutet: keine Präsentationsfolie, sondern laufende Baustelle. Der Besuch fand im Rahmen der SynErgie-Reihe „Visit the Best“ statt, bei der Projektpartner in die betrieblichen „vier Wände“ einladen, um sich und ihre Arbeit näher vorzustellen.
Was hier entsteht, gibt es so noch nicht
Vor Ort erfuhren sie: SynErgie-Industriepartner thyssenkrupp Steel hat die SMS group mit dem Engineering, der Lieferung und dem Bau einer wasserstoffbetriebenen Direktreduktionsanlage beauftragt. Das Auftragsvolumen beträgt über 1,8 Milliarden Euro und markiert den größten Einzelauftrag in der Geschichte des Unternehmens. Die Anlage soll eine Kapazität von 2,5 Millionen Tonnen direkt reduziertem Eisen pro Jahr erreichen und ist bereits für Ende 2026 zur Fertigstellung geplant.
Besonders eindrucksvoll für die Gästegruppe: Was dahinter steckt, ist technologisches Neuland. Ab 2026 werden die klassischen Hochöfen durch eine Direktreduktionstechnologie mit nachgeschalteten elektrischen Einschmelzern ersetzt, sodass perspektivisch im Wesentlichen Grüner Wasserstoff und Grüner Strom genutzt werden. Die Anlage wird zunächst mit Erdgas betrieben. Ein erster Wasserstoffeinsatz ist für 2028 geplant, der Hochlauf auf Vollbetrieb soll 2029 abgeschlossen sein. Danach können mit dem Einsatz von rund 143.000 Tonnen Wasserstoff jährlich bis zu 3,5 Millionen Tonnen CO2 eingespart werden.
Bereits heute Realität: CO2-reduzierter Stahl
Parallel dazu verkauft thyssenkrupp bereits heute unter dem Namen „bluemint® Steel“ CO2-reduzierten Stahl in Serie. Zwei Routen: erstens der Einsatz von hochaufbereitetem Recyclingmaterial der Sorte TSR40, zweitens die schrittweise Umstellung auf wasserstoffbasierte Direktreduktion. Beide Wege führen zum selben Ziel, auf unterschiedlichen Zeithorizonten.
Ein Elektrolichtbogenofen ist dabei nur so klimafreundlich wie der Strom, der ihn versorgt. Und genau hier schließt sich der Kreis zur Forschung, die SynErgie betreibt.
Realitätstest der Modelle zum Anschauen
Die Promovierenden, die an diesem Aprilmorgen durch das Werk geführt wurden, beschäftigen sich in ihrer Arbeit täglich mit Energieflexibilität und der Steuerung energieintensiver Prozesse. Was sie in Duisburg sahen, war keine abstrakte Bestätigung ihrer Modelle, sondern deren Realitätstest.
Denn das Duisburger Werk wird, wenn die Transformation abgeschlossen ist, zu einem der größten Stromverbraucher Deutschlands gehören. Als größter deutscher Wasserstoffverbraucher ist thyssenkrupp Steel damit Initiator und Treiber einer Wasserstoffwirtschaft. Und Wasserstoff braucht Grünen Strom, zu den Zeiten und in den Mengen, in denen er verfügbar ist.
Elektrolichtbogenöfen lassen sich schneller hoch- und herunterfahren als Hochöfen. Das macht sie zu potenziellen Systempartnern im Stromnetz — genau das, was SynErgie als industrielle Energieflexibilität untersucht. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann und unter welchen Bedingungen diese Flexibilität systemwirksam werden kann.
Heute Theorie in Aachen, morgen Praxis in Duisburg
Der erste Tag des Seminars hatte in der Verfahrenstechnik des SynErgie-Partners RWTH Aachen stattgefunden, mit Kurzpräsentationen, Methodendiskussionen, Wissenstransfer zwischen Promovierenden unterschiedlicher Jahrgänge: wertvolles Handwerk. Aber wer abends nach Duisburg fuhr und am nächsten Morgen vor der Baustelle der neuen Direktreduktionsanlage stand, verstand den Unterschied zwischen einem Modell und einem Projekt, der sich nicht mehr zurücknehmen lässt.
Bis 2045 soll die Stahlproduktion in Duisburg vollständig klimaneutral werden. Das ist ein Datum, das noch in der Karriere der meisten anwesenden Promovierenden liegt. Was in diesen Tagen in Duisburg gebaut wird, werden sie als Fertiganlage erleben. Das Seminar, das SynErgie seit Phase I jährlich durchführt, fand jetzt im Projektendspurt zum letzten Mal statt: ein Ende des Formats, aber nicht der Fragen, die es gestellt und beantwortet hat.