27.05.2026 SynErgie

Industrie kann das Stromsystem stabilisieren

Die Industrie verfügt schon heute über große Flexibilitätspotenziale für das Stromsystem. Neue Auswertungen aus dem Kopernikus-Projekt SynErgie zeigen: Unternehmen können kurzfristig mehrere Gigawatt Leistung anpassen - und mit neuen Technologien sogar langfristig Versorgungssicherheit und die Integration erneuerbarer Energien stärken.

Das Bild zeigt eine Person von hinten, die von einem erhöhten Punkt auf ein Fabrikgelände bei Sonnenuntergang schaut.
© KI-generiert mithilfe von ChatGPT von PtJ

Die deutsche Industrie kann deutlich stärker zur Stabilisierung des Stromsystems beitragen als bislang oft angenommen. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Kopernikus-Projekts SynErgie. Demnach lassen sich industrielle Prozesse bereits heute flexibel an den Bedarf des Stromsystems anpassen - ohne Produktionsziele oder Lieferverpflichtungen zu gefährden. Kurzfristig stehen bereits Flexibilitätspotenziale im Gigawattmaßstab zur Verfügung. Mit technischen Anpassungen und sogenannten bivalenten Technologien wächst dieses Potenzial künftig nicht nur im Umfang, sondern auch über deutlich längere Zeiträume hinweg. Industrielle Flexibilität entwickelt sich damit von einer kurzfristigen Reaktionsmöglichkeit zu einem wichtigen Baustein für Versorgungssicherheit und Systemstabilität.

Mehrere Gigawatt kurzfristig verfügbar

Die aktuellen Erhebungen zeigen erhebliche Potenziale sowohl bei der Lastreduktion als auch bei der Lasterhöhung. Bei einer Abrufdauer von fünf Minuten lassen sich bis zu 4,6 Gigawatt Last reduzieren und bis zu 4,0 Gigawatt zusätzlich aufnehmen. Über das Jahr hinweg entspricht das einer flexibilisierbaren Energiemenge von bis zu 4,8 Terawattstunden bei Lastreduktion und 3,3 Terawattstunden bei Lasterhöhung.

In der Praxis betrifft das vor allem energieintensive Prozesse, etwa in der Prozesswärme, Dampferzeugung oder thermischen Produktion. Unternehmen können diese Prozesse zeitlich verschieben, gezielt drosseln oder bewusst hochfahren - je nachdem, ob das Stromsystem gerade Entlastung oder zusätzliche Nachfrage benötigt. Auch Kälte-, Wärme- und Querschnittssysteme bieten Flexibilität, ohne automatisch Produktionsausfälle zu verursachen. „Die aktuellen Ergebnisse zeigen deutlich, dass industrielle Flexibilität weit mehr ist als ein theoretisches Konzept“, sagt SynErgie-Projektsprecher Prof. Dr. Alexander Sauer. „Bereits heute lassen sich in kurzen Abrufzeiten erhebliche Leistungen bereitstellen.“

Bivalente Technologien erweitern die Spielräume

Die Auswertung betrachtet nicht nur bestehende technische Möglichkeiten, sondern auch zusätzliche Potenziale durch Investitionen und Prozessanpassungen. Besonders wichtig sind dabei bivalente Technologien, also Systeme, die zwischen unterschiedlichen Energieträgern wechseln können. Mit solchen Technologien steigt die flexibilisierbare Leistung perspektivisch auf bis zu 14,2 Gigawatt Lastreduktion beziehungsweise 13,8 Gigawatt Lasterhöhung. Allein die identifizierten Bivalenzpotenziale liegen bei 7,6 Gigawatt auf der Reduktionsseite und 8,7 Gigawatt auf der Erhöhungsseite.

Dadurch kann die Industrie nicht nur kurzfristig auf Schwankungen reagieren, sondern auch längere Phasen mit geringer erneuerbarer Stromerzeugung abfedern, etwa bei Dunkelflauten. Thermische Prozesse oder industrielle Wärmeversorgung könnten dann zeitweise auf andere Energieträger ausweichen und so zusätzliche Spielräume schaffen.

Flexible Industrie stärkt Versorgungssicherheit

Die Studie betont ausdrücklich: Bivalenz bedeutet keinen Rückschritt bei der Transformation. Ziel bleibt ein treibhausgasarmes Energiesystem. Bivalente Technologien sollen vor allem helfen, industrielle Prozesse auch unter angespannten Bedingungen flexibel und robust zu betreiben. Langfristig lassen sich solche Systeme zudem mit klimaneutralen Energieträgern wie Wasserstoff verbinden. Für Dr.-Ing. Serafin von Roon, Geschäftsführer des SynErgie-Partners FfE GmbH, ist deshalb klar: „Die Daten machen deutlich, dass die Industrie nicht nur als Stromverbraucherin betrachtet werden darf, sondern als aktiver Systempartner.“

Damit rückt industrielle Flexibilität stärker in den Mittelpunkt der energiepolitischen Debatte. Die Auswertung unterstreicht: Die technischen Potenziale sind bereits vorhanden. Entscheidend wird nun, geeignete wirtschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Unternehmen diese Flexibilität auch tatsächlich einsetzen können. Die Ergebnisse liefern damit eine klare Botschaft für die Energiewende: Neben dem Ausbau von erneuerbaren Energien, Netzen und Speichern braucht ein klimaneutrales Energiesystem auch eine flexible Nachfrage. Die Industrie kann dabei schon heute einen wichtigen Beitrag leisten - kurzfristig ebenso wie langfristig.

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