12.06.2026 SynErgie

Die richtige Viertelstunde: Wann lohnt sich flexible Produktion?

Den Stromverbrauch industrieller Anlagen gezielt in günstige Zeitfenster verschieben – dynamische Strompreise machen dies möglich. Dazu benötigen Unternehmen verlässliche Preisprognosen. Eine Auswertung aus dem Kopernikus-Projekt SynErgie zeigt: Entscheidend ist dabei nicht, ob Strompreise im Durchschnitt gut vorhergesagt werden. Entscheidend ist, ob Prognosen die Zeitfenster mit den preiswertesten Strompreisen verlässlich erkennen.

Das gemalte Bild zeigt ein Fabrikgebäude mit unter anderem Windrädern, Solarpanelen, einem Auto, Ladesäulen etc. Darüber ist eine Graph zu sehen, der den Strompreis im Tagesverlauf zeigt.
© Kopernikus-Projekt SynErgie

Eine Großwärmepumpe läuft einige Stunden früher. Ein Batteriespeicher lädt nicht sofort, sondern wartet auf ein günstigeres Zeitfenster. Eine Ladeinfrastruktur verschiebt Ladevorgänge, ohne den Betrieb einzuschränken. Wenn Industrieunternehmen ihren Strombedarf zeitlich anpassen, können sie ihre Kosten senken und zugleich das Stromsystem entlasten. Besonders wichtig ist diese Flexibilität wegen des zunehmenden Anteils erneuerbarer Energie. Denn Strom aus Wind und Sonne ist nicht jederzeit gleichmäßig verfügbar.

Strompreise KI-basiert vorhersagen

In der Praxis ist eine flexible Nutzung jedoch anspruchsvoll. Unternehmen müssen wissen, wann Strom voraussichtlich günstig sein wird. Sie müssen technische Restriktionen ihrer Anlagen einhalten. Und sie müssen vermeiden, dass eine vermeintlich günstige Fahrweise am Ende zusätzliche Kosten verursacht. Genau hier spielen Prognosen eine zentrale Rolle.

Das Kopernikus-Projekt SynErgie hat deshalb untersucht, wie gut sich eine KI-basierte Strompreisprognose eignet, um flexible Lasten zu steuern. Forschende des Fraunhofer IPA und der Universität Stuttgart validierten die Prognose an mehr als 20.000 Zeitpunkten zwischen Oktober 2025 und Mai 2026. Dabei ging es nicht nur um klassische Fehlermetriken, sondern vor allem um eine praktische Frage: Erkennt das Modell die Zeitfenster, die für flexible Verbraucher wirtschaftlich relevant sind?

Günstigste 15 Minuten siebenmal häufiger erkannt

Die Ergebnisse zeigen: Es reicht nicht, Strompreise im Durchschnitt möglichst genau vorherzusagen. Wichtig ist, ob sich die günstigsten und teuersten Zeitfenster eines Tages vorab zuverlässig erkennen lassen. Die von SynErgie untersuchte Prognose identifizierte die günstigsten zwei Stunden eines Tages fast doppelt so häufig korrekt wie ein herangezogener Vergleichsdienst. Beim günstigsten 15-Minuten-Zeitfenster war die Trefferquote rund siebenmal höher.

Warum ist das relevant? Viele flexible Anlagen müssen nicht dauerhaft betrieben werden, sondern können innerhalb eines Tages zeitlich verschoben werden. Für sie ist weniger entscheidend, jeden einzelnen Strompreis exakt vorherzusagen. Entscheidend ist, ob die Anlage in einem günstigen Zeitfenster läuft oder aus einem teuren Zeitfenster herausgehalten wird.

Um diesen Effekt wirtschaftlich zu bewerten, simulierten die SynErgie-Forschenden zusätzlich den Einsatz einer flexiblen Last. Dabei haben sie angenommen, dass eine Lasterhöhung einmal täglich in das jeweils prognostizierte günstigste Zeitfenster gelegt wird. Dabei betrachteten sie verschiedene Haltedauern – von 15 Minuten bis zu mehreren Stunden – und ausschließlich die Beschaffungskosten am Strommarkt.

Bessere Prognosen gleich niedrigere Kosten

Über alle betrachteten Szenarien führte die bessere Prognose zu niedrigeren Kosten. Je nach Haltedauer sanken die Strombeschaffungskosten um 8 bis 17 Prozent. Bei einer täglich um eine Stunde verschiebbaren Last lagen die prognosebedingten Mehrkosten gegenüber einer optimalen Beschaffung bei rund 2.000 Euro pro Megawatt flexibler Leistung und Jahr. Im Vergleichsszenario waren es rund 5.000 Euro. Anders ausgedrückt: Für jedes Megawatt flexibel steuerbarer Leistung verursachte die SynErgie-Prognose in diesem Szenario rund 3.000 Euro weniger Mehrkosten pro Jahr.

Die Auswertung macht deutlich: Prognosen sind für ein flexibles Energiesystem kein Selbstzweck. Sie werden dann relevant, wenn sie sich in konkrete Fahrweisen übersetzen lassen. Für Unternehmen mit steuerbaren Verbrauchern wie Speichern, Ladeinfrastruktur, Wärme- und Kälteanlagen, Druckluftsystemen oder flexiblen Produktionsprozessen entsteht der Nutzen erst an der Schnittstelle zwischen Strompreisprognose, Anlagenrestriktionen und betrieblicher Umsetzung.

Dynamische Strompreise besser nutzen

Damit zeigt SynErgie einen wichtigen Baustein für die nächste Phase der industriellen Energieflexibilität. Technische Flexibilität allein reicht nicht aus. Unternehmen müssen auch bewerten können, wann sich diese Flexibilität wirtschaftlich lohnt. Prognosebasierte Fahrweisen können dabei helfen, dynamische Strompreise besser zu nutzen und industrielle Prozesse stärker mit der Verfügbarkeit erneuerbarer Energien zu synchronisieren.

Die Ergebnisse sind besonders relevant für Unternehmen, die bereits flexible Verbraucher betreiben oder ihre Energieversorgung künftig stärker an kurzfristigen Strompreisen ausrichten wollen. SynErgie zeigt damit nicht nur, dass industrielle Flexibilität technisch möglich ist, sondern auch, wie datengetriebene Methoden helfen können, diese Flexibilität wirtschaftlich nutzbar zu machen.

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