20.02.2026 ENSURE

Zwischen Wüste und Wandel: Energie-Diskussionen in Abu Dhabi

Wolkenkratzer, Wüste, Luxus und Öl: Viele verbinden mit Abu Dhabi Glanz - und fossiler Energie. Doch hinter der schillernden Fassade denken kluge Köpfe intensiv über die Energieversorgung der Zukunft nach. Aus über 25.000 Bewerbungen wurde ENSURE-Forscher Paul Fabianek als Young Energy Leader zum IRENA-Forum 2026 eingeladen – und bringt Impulse für die Netze der Zukunft mit zurück.

Das Bild zeigt Paul Fabianek von ENSURE.
Paul Fabianek © privat

Das folgende Feature ist vollständig aus der Sicht von Paul Fabianek verfasst; Infos zur Person siehe unten.

Abu Dhabi im Januar. Noch immer basiert der Strommix der Vereinigten Arabischen Emirate zu über 70 Prozent auf Gas. Doch überall ist spürbar, dass sich das Land im Übergang befindet. Beim Verlassen des Flughafens trifft einen eine warme, trockene Luft, begleitet vom Brummen der Klimaanlagen und dem feinen Staub der Wüste. Hitze, Sandstürme und sinkende Grundwasserspiegel sind längst keine abstrakten Zukunftsrisiken mehr, sondern konkrete Herausforderungen des Alltags. Gleichzeitig prägen futuristische Gebäude, ambitionierte Nachhaltigkeitsprojekte und großskalige Energieinfrastruktur das Stadtbild.

Abu Dhabi ist ein Ort, an dem die Abhängigkeit von Öl und Gas sichtbar bleibt, an dem aber ebenso deutlich wird, dass das Land verstanden hat, dass wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität langfristig nur durch eine Transformation hin zu erneuerbaren Energien und mehr Nachhaltigkeit gesichert werden kann.

In genau diesem Spannungsfeld fand Anfang 2026 das IRENA Youth Forum sowie die anschließende IRENA Assembly statt. Als einer von rund 100 ausgewählten Young Energy Leaders aus mehr als 25.000 Bewerbungen weltweit nahm Paul Fabianek, Forscher am Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN) der RWTH Aachen University und Mitarbeiter im Kopernikus-Projekt ENSURE, an den Veranstaltungen teil. Die Auswahl durch den IRENA Youth Council bringt junge Fachleute aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um globale Perspektiven auf die Energiewende zu diskutieren.

Zu sehen ist ENSURE-Forscher Paul Fabianek bei IRENA in Abu Dhabi.
Paul Fabianek ©privat

Dass diese Gespräche ausgerechnet in Abu Dhabi stattfanden, war kein Zufall. Die Stadt ist Sitz der International Renewable Energy Agency (IRENA), einer zwischenstaatlichen Organisation mit über 170 Mitgliedsländern. IRENA unterstützt Staaten weltweit bei der Transformation ihrer Energiesysteme, liefert Daten, Szenarien und Politikempfehlungen und fungiert als wichtige Schnittstelle zwischen Energiepolitik, Technologie und internationaler Zusammenarbeit.

Während die Energiewende in Europa häufig entlang technischer Fragen verhandelt wird, lag der Fokus der Diskussionen in Abu Dhabi klar auf den Herausforderungen des Globalen Südens. Themen wie Energiezugang, institutionelle Kapazitäten und Finanzierung dominierten viele Gespräche, oft verbunden mit sehr konkreten Erfahrungen aus lokalen Projekten.

Von deutschen Stromnetzen zu globalen Energiefragen

In vielen Gesprächen mit Young Energy Professionals, politischen Entscheidenden und Menschen, die internationale Organisationen vertreten, kristallisierte sich schnell heraus: Die grundlegenden Fragestellungen ähneln sich weltweit – Netzintegration erneuerbarer Energien, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit – doch die institutionellen, sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich erheblich.

Gerade im „Globalen Süden“ stehen weniger hochentwickelte Netzinfrastrukturen im Vordergrund, sondern Themen wie:

  • Energiezugang und -sicherheit,
  • institutionelle Kapazitäten,
  • Finanzierung,
  • sowie die Einbettung technischer Lösungen in bestehende soziale Strukturen
Ein Gruppenfoto der IRENA-Teilnehmenden in Abu Dhabi.
Paul Fabianek ©privat

Ein wiederkehrendes Motiv der Diskussionen war die Frage, wie sich Innovationen aus industrialisierten Ländern sinnvoll in den „Globalen Süden“ übertragen lassen. Dabei wurde deutlich, dass ein rein technischer „Lösungsimport“ häufig scheitert. Viele Teilnehmende berichteten von Projekten, bei denen technisch ausgereifte Lösungen nicht oder nur eingeschränkt genutzt wurden. Dies geschieht nicht, weil sie ineffizient sind, sondern weil sie nicht an die tatsächlichen Bedürfnisse lokaler Akteure und Communities angepasst waren.

Genau hier ergab sich eine inhaltliche Brücke zu Paul Fabianeks Arbeit im ENSURE-Projekt: Auch in hochentwickelten Energiesystemen zeigt sich, dass Flexibilitätsoptionen auf der Nachfrageseite, z.B. etwa Lastverschiebung oder dynamische Preissignale nur dann funktionieren, wenn sie:

  • verständlich,
  • alltagstauglich,
  • und sozial akzeptiert sind.

 

User-Perspektiven als Schlüssel – weltweit

Die Diskussionen in Abu Dhabi haben diese Erkenntnis nochmals geschärft: Ob in deutschen Haushalten oder in ländlichen Regionen Afrikas oder Südasiens; Energielösungen werden nur dann nachhaltig genutzt, wenn sie reale Bedürfnisse adressieren und lokale Kontexte berücksichtigen. Für den „Globalen Süden“ bedeutet das:

  • frühe Einbindung lokaler Stakeholder,
  • ein Verständnis für soziale Praktiken und wirtschaftliche Zwänge,
  • und Co-Creation statt Top-down-Implementierung.

 

Für die Forschung in Projekten wie ENSURE liefert diese globale Perspektive einen wichtigen Impuls: Stakeholder-Involvement und Akzeptanzforschung sind kein „weiches“ Add-on, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor der Energiewende.

Hier ist Paul Fabianek bei einem Interview vor Ort in Abu Dhabi zu sehen.
Paul Fabianek ©privat

Das IRENA Youth Forum hat eindrücklich gezeigt, dass sich viele Herausforderungen der Energiewende weltweit wiederfinden, jedoch unter sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Zugleich wurde deutlich, warum der Veranstaltungsort Abu Dhabi eine besondere Rolle spielt. Als Sitz von IRENA fungiert die Stadt als Knotenpunkt globaler Energiepolitik, an dem Perspektiven aus Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern zusammenlaufen.

Die zentrale Lehre aus Abu Dhabi lautet: Die Energiewende ist weniger ein Technologieproblem als ein System-, Governance- und Beteiligungsproblem.

Für die Arbeit an Energienetzen der Zukunft, wie das Kopernikus-Projekt ENSURE sie verfolgt, ist diese globale Perspektive besonders wertvoll. Sie unterstreicht, dass technische Innovationen von Beginn an mit Fragen der Akzeptanz, Nutzerorientierung und Stakeholder-Einbindung zusammengedacht werden müssen. Der internationale Austausch bietet dabei nicht nur die Möglichkeit, Lösungen weiterzugeben, sondern vor allem, voneinander zu lernen und eigene Forschungsansätze kritisch zu reflektieren.

Zur Person von Paul Fabianek

Paul Fabianek ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institute for Future Energy Consumer Needs and Behavior (FCN) an der RWTH Aachen University. Seine Forschung befasst sich mit Stromnachfrageflexibilität in Haushalten, Akzeptanz von Flexibilitätsmaßnahmen sowie der Einbindung von Usern und Stakeholdern in Transformationsprozesse.

Im Rahmen des Kopernikus-Projekts ENSURE arbeitet er an Fragestellungen rund um die Gestaltung robuster und nachhaltiger Energienetze der Zukunft.

Ein Klick hier führt zu seinen Publikationen, und ein Klick hier bringt Interessierte zu seinem LinkedIn-Profil.

Mehr News aus dem Projekt