05.05.2026 P2X
Kapstadt zwischen Energiepotenzial und Realität
Südafrika beeindruckt mit Natur und Dynamik – doch im Energiesystem zeigen sich Brüche. Zwischen großem Potenzial für Erneuerbare, historischer Expertise und strukturellen Hürden wird im deutsch-südafrikanischen Austausch mit P2X sichtbar, wie komplex die globale Transformation hin zu Power-to-X tatsächlich ist. P2X-Forscher Maximilian Much schreibt dieses Feature aus teilnehmender Perspektive.
Der erste Eindruck von Kapstadt entsteht nicht im Konferenzraum, sondern auf der Straße: Ein Chor am Straßenrand, getragen von Stimmen und Rhythmus, erfüllt die Luft mit einer spürbar lebensfrohen Atmosphäre. Gleichzeitig zeigt sich die Landschaft von ihrer eindrucksvollsten Seite – die Weite des Ozeans, die am Horizont in einen nahezu unwirklich blauen Himmel übergeht, dazu Sonnenuntergänge wie aus dem Bilderbuch. Auch der Wind ist ein konstanter Begleiter: Er zieht vom Atlantik herauf und trifft am Tafelberg mit bemerkenswerter Konstanz – Bedingungen, die unmittelbar an das Potenzial für Windenergie denken lassen. Mit diesem sinnlichen Eindruck im Hintergrund verschiebt sich der Blick schnell auf Fragen der Energieversorgung und Infrastruktur. Denn beim Blick über die Stadt fällt etwas anderes auf, was in Deutschland viel stärker präsent ist – oder genauer gesagt: Hier fehlt etwas. Kaum Solaranlagen auf den Dächern, keine Windräder am Horizont...
Energiehistorische Parallelen
Diese Beobachtung steht sinnbildlich für die Spannungsfelder, die das Energiesystem Südafrikas derzeit prägen – und genau hier setzt auch der fachliche Austausch an, der Anlass des Treffens von deutschen und südafrikanischen Forschenden in Kapstadt war. Südafrika und Deutschland teilen eine energiehistorische Parallele, die zunächst unscheinbar wirkt, aber weitreichende Konsequenzen hatte: viel Kohle, kaum eigenes Erdöl. In Deutschland führte diese Ausgangslage bereits 1925 zur Entwicklung der Fischer-Tropsch-Synthese – einem Verfahren, mit dem aus Kohle flüssige Kraftstoffe und chemische Grundstoffe hergestellt werden konnten, ursprünglich mit dem Ziel der Versorgungssicherheit in Krisenzeiten.
Südafrika hat diese Technologie über Jahrzehnte weitergeführt und industrialisiert. Aus einer Notwendigkeit wurde eine tief verankerte Expertise. Heute, im Kontext der Energiewende, gewinnt genau dieses Wissen erneut an Bedeutung – allerdings unter neuen Vorzeichen: Die Fischer-Tropsch-Synthese soll nicht länger auf fossilen Ressourcen basieren, sondern auf Erneuerbaren Energien. Power-to-X wird zum Bindeglied zwischen historischer Technologie und zukünftiger Energieversorgung.
Hier entsteht ein nahezu komplementäres Austauschfeld: Während Deutschland umfangreiche Erfahrung in der Integration Erneuerbarer Energien in ein bestehendes Energiesystem aufgebaut hat, bringt Südafrika tiefgehendes Know-how in der Synthesechemie mit. Gleichzeitig verfügt das Land über enorme natürliche Potenziale für Solar- und Windenergie – Potenziale, die vor Ort spürbar sind, aber bislang nur begrenzt genutzt werden (siehe nachfolgende Abbildungen).
Diese Diskrepanz wird besonders deutlich in Gesprächen von P2X-Forschenden mit lokalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Die Frage, warum in einer Region mit so viel Sonne vergleichsweise wenige Photovoltaikanlagen sichtbar sind, führt schnell über technische Aspekte hinaus. Es geht um soziale und strukturelle Rahmenbedingungen: hohe Kriminalitätsraten, die dezentrale Anlagen angreifbar machen, sowie die starke touristische Prägung Kapstadts, die Eingriffe in das Landschaftsbild – etwa durch Windenergieanlagen – sensibel macht.
„Ressourcen sind da“
Ein Wissenschaftler beschreibt es nüchtern am Rande einer Diskussion: „Die Ressourcen sind da – aber der Kontext entscheidet, wie sie genutzt werden.“ Ein Satz, der sich durch viele Gespräche zieht.
Dass der Ausbau erneuerbarer Energien dennoch voranschreitet, zeigt sich weniger im unmittelbaren Stadtbild als in politischen Programmen und aktuellen Entwicklungen. Seit der Einführung entsprechender Fördermechanismen – etwa ab 2011 – hat der Ausbau an Dynamik gewonnen. Getrieben wird diese Entwicklung nicht zuletzt durch ein Problem, das im Alltag vieler Menschen spürbar ist: unzureichende Stromversorgung. Das sogenannte Loadshedding, also geplante Lastabschaltungen, gehört für viele Haushalte und Unternehmen zur Realität. Stromausfälle sind kein Ausnahmezustand, sondern Teil des Systems. Umso größer ist die gesellschaftliche Akzeptanz für neue Erzeugungskapazitäten. In einem Seminarbeitrag wurde deutlich, dass insbesondere der Zubau Erneuerbarer Energien bereits messbar zur Entlastung beiträgt und die Häufigkeit von Abschaltungen reduziert.
Geht auch um Systemfragen
Vor diesem Hintergrund bekommt der fachliche Austausch eine zusätzliche Dimension. Es geht nicht nur um Technologie, sondern um Systemfragen: Wie lassen sich Erneuerbare Energien unter realen sozioökonomischen Bedingungen integrieren? Welche Modelle funktionieren – und welche nicht?
Genau diese Fragen standen auch im Zentrum der Diskussionen rund um das veranstaltete P2X-Symposium und die besuchte Syngas Convention vorweg. Auffällig war dabei die starke internationale Verflechtung, insbesondere durch deutsche Beteiligungen in Forschungs- und Förderprojekten. Deutlich wurde, wie wertvoll es ist, nicht nur Erfolgsmodelle zu teilen, sondern auch Fehlentwicklungen und Herausforderungen offen zu diskutieren.
So entsteht zwischen den Gesprächen, Vorträgen und beiläufigen Beobachtungen ein vielschichtiges Bild: ein Land mit enormem Potenzial, gewachsener industrieller Expertise und gleichzeitig komplexen strukturellen Hürden. Und mittendrin ein Thema, das beide Seiten verbindet – die Transformation eines Energiesystems, das historisch aus der Not heraus entstanden ist und nun unter neuen Vorzeichen neu gedacht werden muss.