23.04.2026 P2X
Nachhaltigere Kleb- und Dichtstoffe - dank der Kopernikus-Projekte
Die Chemieindustrie braucht Alternativen zum Erdöl. Der P2X-Satellit Power2Polymers will fossile Rohstoffe durch nachhaltige Alternativen ersetzen. Aus Methanol aus CO2 und Wasserstoff entstehen innovative Polyole für Spezialanwendungen. Projektleiter Dr. Guido Schroer erläutert im Interview die bisherigen Erfolge und Hürden des Projekts.
Auf welche Produkte fokussiert sich Power2Polymers und was ist die Motivation dahinter?
Im Laufe der Kopernikus-Projektphasen hat sich gezeigt, dass sich die POM- oder PME-Polyole insbesondere für Spezialanwendungen wie Industrieklebstoffe, Dichtstoffe und thermoplastische Polyurethane eignen. Die Polyole und resultierende Produkte weisen dabei neben einer verbesserten Nachhaltigkeit auch Performance-Vorteile wie kürzere Trockenzeiten und bessere Materialverträglichkeit auf. Wir sagen immer, dass es durch unsere Technologie möglich ist, mit Polyoxymethylen (POM) einen bekannten Werkstoff in neue Produkte einzubringen.
Die Materialvorteile und der Fokus auf Spezialanwendungen sind vor allem auch für uns als Start-up-Vorhaben interessant und relevant, da im Vergleich zu Massenmärkten beispielsweise ein besserer Preispunkt herrscht, was eine wirtschaftliche Anschlussfähigkeit bestärkt. Dies soll nicht ausschließen, dass auch eher preisgetriebene Massenanwendungen bedient werden. Ein erster Marktzugang wird durch den Fokus auf Spezialanwendungen aber erleichtert.
Was sind die aktuellen Erfolge Ihres Projekts?
Zunächst gilt es festzuhalten, dass die bisherigen Vorarbeiten aus den vorherigen Phasen des Kopernikus-Projekts P2X erfolgreich an das Vorhaben übertragen werden konnten und neue wie auch bekannte Partner diese nun in einem Start-up-Vorhaben fortführen. Dabei gilt es, neben dem Übertrag von Know-how auch die Schaffung eigener Kapazitäten zur gleichbleibenden Herstellung und Analyse der Materialien zunächst im Kilogramm-Maßstab zu nennen. Mit der JOWAT SE konnte weiterhin ein verlässlicher Anwendungsentwickler und Partner im Industrieklebstoffbereich für die Fortsetzung im Kopernikus-Satellitenprojekt gewonnen werden. Das Vorhaben wurde bereits mehrfach, beispielsweise bei der Chemstars.NRW Lab-to-Market Challenge, dem Hightech.NRW Accelerator Programm oder der Rice Business Plan Competition, ausgezeichnet. Mit Schmierstoffen konnten wir zudem ein weiteres mögliches Anwendungsgebiet identifizieren.
Mit welchen Hürden ist das Start-up konfrontiert?
Ein Punkt, der mir hier noch fehlt, den wir aber auch bereits als Start-up-Vorhaben merken, ist die auch in der Industrie häufig angesprochene Bürokratie, die Innovation und schnelles Vorankommen doch teils hemmt. Eine wichtige Sache, die ein Stück weit auf alle aufgeführten Punkte einspielt, ist als Beispiel die Skalierung der Herstellung der Materialien. Kilogramm-Mengen können wir problemlos in der derzeitigen Anlage herstellen. Für darauffolgende 100-Kilogramm- bis Tonnen-Mengen sind wir aber auf eine Fertigung in größerer Anlage angewiesen. Um diesen nächsten Maßstab ohne Verzögerungen an unsere Partner liefern zu können, sprechen wir dazu mit Lohnherstellern, da der Aufbau einer Eigenfertigung auch aufgrund von Genehmigungsverfahren zu lange dauern würde. Die Fertigung in Lohnherstellung macht zudem auch aus unternehmerischer Sicht Sinn, da bei kommerzieller Eignung schnell eine erneut größere Fertigungsanlage benötigt wird, welche wir dann selbst errichten möchten. Dies ist mit viel Planungsaufwand wie auch Wissen über Prozessskalierung verbunden, wo wir auch auf externe Expertise angewiesen sind. Für eine finale Einbringung in Zielmärkte gilt es zudem, die teils mehrjährigen Lebens- und Entwicklungszyklen in der Industrie zu berücksichtigen.
Sogenannte Ewigkeitschemikalien sind umstrittene Polymere, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken können und von der EU verboten werden sollen. Haben Sie mit Power2Polymers einen Ansatz für eine nachhaltige und weniger gefährliche Alternative?
Das spricht insbesondere die neu identifizierte mögliche Anwendung in Schmierstoffen an. Als Chemikern ist uns bekannt, dass eine C-F-Bindung nicht einfach ersetzt werden kann. PFAS oder Ewigkeitschemikalien werden aber oft eingesetzt, . Wir sehen bei den POM-Polyolen Potenzial, diese als neue Schmierstoff-Basisölklasse zwischen sogenannten Polyalkylenglykolen (PAGs) und aliphatischen Polyalphaolefinen (PAOs) zu etablieren, welche die Vorteile beider Klassen verbindet und bspw. eine bessere Additivkompatibilität zu konventionellen PAGs aufweist. Darüber sind neue Schmierstoffformulierungen zugänglich, welche potenziell auch einen PFAS-Ersatz in gewissen Anwendungen darstellen können.
Der kritische Punkt bei jungen, innovativen Technologien ist die nötige technologische Reife zu erreichen, um Anwendung in der Industrie zu finden. Wie wird aus dem Power2Polymers-Konzept eine echte Massenproduktion?
Dies spielt zum einen auf meine vorherige Antwort zur Skalierung der Herstellung ein. Diese muss zwingend auch ökologisch und ökonomisch umsetzbar sein. Bestehende Lebenszyklus- und Wirtschaftlichkeitsanalysen aus dem Vorhaben sind dabei äußerst positiv. Die Materialien haben beispielsweise bereits ausgehend von fossilen Rohstoffen einen um bis zu 60 Prozent geringeren CO2-Fußabdruck im Vergleich zu konventionellen Polyalkylenglykolen. Zum anderen gilt es, ein breites Netzwerk an Anwendungspartnern und -industrien zu etablieren. Wir fühlen uns hier auf einem guten Weg, sind aber auch immer offen für neue Ideen zu möglichen Anwendungen wie auch Partnern und Unternehmen, welche mit uns spannende neue nachhaltige und leistungsstarke Produkte entwickeln möchten.
Für die Produktion werden Grüner Wasserstoff und nachhaltiges CO2 erforderlich sein. Deren Gewinnung wird sich jedoch durch die hohen Stromkosten deutlich auf die Kosten des Endprodukts auswirken. Wie können Sie wettbewerbsfähig gegenüber günstigerer Alternativen werden?
Eine interessante Frage, die uns ebenfalls beschäftigt, vor allem auch, ob daraus ausreichende Mengen an Rohstoffen zur Verfügung gestellt werden können. Ein großer Vorteil unserer Technologie ist, dass als Upstream-Rohstoff immer Methanol steht. Dieses ist bereits heutzutage in großen Mengen aus fossilen Quellen und zukünftig auch aus Biomasse zugänglich. Wir sind hier also nicht allein auf den P2X-Weg über CO2 und Grünen Wasserstoff angewiesen, auch wenn wir uns, wie ja auch bereits unser Name impliziert, selbstverständlich in keiner Weise verschließen. Die Etablierung einer breiten Rohstoffbasis ausgehend von Methanol und allgemein einer nachhaltigen C1-Chemie ist deshalb auch für uns ein entscheidender Faktor.
Bio-basierte Kunststoffe, die zersetzbar sind, können im Kreislauf gefahren werden. Ist das auch eine Option für PtX-Kunststoffe?
Definitiv! Im Rahmen unseres Satellitenprojekts wurde beispielsweise das chemische Recycling der POM-Polyole nach einem Open-Loop-Prinzip zurück zu Methanol untersucht. Dies ist im Labormaßstab für die Polyole in exzellenten Ausbeuten möglich. Hier gilt es nun daraus einen wirtschaftlichen Prozess zu entwickeln und die Verfahren auf finale Produkte zu überführen. Eine weitere Option ist ein mögliches biokatalytisches Recycling der POM-Polyole, wozu die POM-Polyole im Rahmen von Bioabbaubarkeitsstudien einen möglichen Zugang zeigen.