10.07.2026 Kopernikus-Projekte
„Die Gesellschaft ist nicht so schlecht, wie angenommen wird“
Seit Sommer 2022 ist die Wanderausstellung Power2Change in ganz Deutschland unterwegs - wie auch das Energiemobil, das ein „Guckloch“ auf die Schau und deren Themen an verschiedene Orte bringt. Beides befindet sich jetzt im Endspurt: Zeit für ein Fazit im Interview.
An den wissenschaftlichen Inhalten der Ausstellung Power2Change haben auch die Kopernikus-Projekte maßgeblich mitgewirkt, einige der Exponate sind Leihgaben von Kopernikus-Partnern. Aber wie haben Besuchende die Schau und das Energiemobil erlebt - und andersrum die Menschen hinter den Kulissen auch den Kontakt mit Neugierigen über Jahre hinweg? Felix Dunkl, der sich federführend um das Energiemobil gekümmert hat, und Andrea Heilrath, Exhibition and Tour Manager beim Partner IMAGINARY, ziehen ein frühes Fazit. Im nachfolgenden Interview können Interessierte einzelne Fragen und Antworten öffnen oder aber alles lesen, je nach Lust und Zeit.
Die Ausstellung ist noch bis 9. August in Goslar zu sehen, das Energiemobil hat vom 3. bis 7. August den letzten terminierten Auftritt in Berlin - mit der Kopernikus-Babbel-Bubble zu Gast. Alle Details zur Ausstellung gibt es hier.
Andrea Heilrath: Die besondere Herausforderung bei dieser Ausstellung war für mich, dass es nicht nur um die Energiewende allgemein geht, sondern um Forschung zur Energiewende. Viele Forschungsthemen gehen stark in die Tiefe und sind zunächst sehr technisch. Deshalb war eine zentrale Frage: Wie kann man diese Inhalte so übersetzen, dass sie verständlich werden, ohne sie zu stark zu vereinfachen?
Konzeptionell war auch wichtig zu zeigen, dass „Energiewende“ weit mehr bedeutet, als mehr Solarparks und Windräder zu bauen. Es geht auch darum, unser Stromnetz anzupassen, Energie flexibler zu nutzen, Mobilität neu zu denken und ganze Industrieprozesse zu verändern.
Inspiriert hat mich dabei vor allem die Verbindung aus wissenschaftlicher Recherche und interaktiver Vermittlung: Die Ausstellung soll nicht nur erklären, sondern Besuchende aktiv einbeziehen. Deshalb gibt es viele Hands-on-Elemente, konkrete Materialien und Objekte zum Anschauen und Ausprobieren, aber auch persönliche Zugänge - etwa die Möglichkeit, den eigenen „Energiewende-Typ“ zu entdecken.
Felix Dunkl: Da die Energiewende ein emotional aufgeladenes Thema ist, wollten wir vor allem das Thema offen und gleichzeitig mit einem Wow-Effekt kommunizieren. Daher haben wir Exponate gesucht, die spielerisch sind, das Interesse der Menschen wecken - also gute Icebreaker für weiterführende Gespräche sind - zugleich aber auch aktuelle Forschung verschiedener Institutionen präsentieren.
Und die haben wir alle ins Energiemobil gepackt - einen Pkw-Anhänger, den wir so gestaltet haben, dass er möglichst einladend wirkt, die Leute neugierig macht, sodass sie kommen und schauen wollen, was es eigentlich so gibt im Energiemobil.
Felix Dunkl: Wir standen an diversen Plätzen, vom Technofestival zum Badesee, vom ganz gewöhnlichen Wochenmarkt bis zum Dinosaurierpark oder vom Sommerferienprogramm bis zum Weihnachtsmarkt, sodass die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Bedürfnissen und Ansichten kamen. Aber fast alle hatten das Bedürfnis, sich zum Thema Energiewende auszutauschen.
Das Thema so aktuell, dass Leute, die eigentlich nur kurz schauen wollten und keine Zeit hatten, teilweise eine Stunde geblieben sind. So kam es auch vor, dass Menschen, die sich vorher nicht kannten, am Energiemobil miteinander über die Energiewende diskutiert haben. Und die meisten davon konnten sich schon darauf einigen, dass kostengünstiger Strom aus Ressourcen, die eh vorhanden sind, auch genutzt werden sollten.
Andrea Heilrath: Gerade diese unerwartete Begegnung finde ich besonders spannend. Nicht alle Menschen kommen mit dem Wunsch, sich intensiv mit Technologien oder Klimaschutz auseinanderzusetzen. Viele stoßen im Museum eher zufällig auf die Ausstellung.
Deshalb ist es wichtig, verschiedene Einstiegsmöglichkeiten anzubieten. Wer wenig Vorwissen hat, kann über Abstimmungen, Alltagsbeispiele oder interaktive Stationen ins Thema finden. Wer tiefer einsteigen möchte, findet technische Details und aktuelle Forschungsfragen.
Mein Wunsch wäre, dass auch Menschen, die dem Thema zunächst vielleicht distanziert oder unsicher gegenüberstehen, merken: Energiewende ist nicht nur ein abstraktes politisches Großprojekt. Sie hat mit unserem Alltag zu tun - mit Strom, Wärme, Mobilität, Industrie, Konsum und damit, wie wir in Zukunft leben wollen. Wenn jemand nach dem Besuch denkt: „Das betrifft mich ja doch“ oder „Ich verstehe jetzt besser, warum das so komplex ist“, dann ist schon viel erreicht.
Andrea Heilrath: Was mir durch die Arbeit an der Ausstellung besonders deutlich geworden ist: Energiewende ist für viele Menschen kein rein technisches Thema. Sie ist auch mit Sorgen, Alltagserfahrungen, politischen Haltungen und manchmal mit Überforderung verbunden. Gerade deshalb reicht es nicht, nur Informationen bereitzustellen. Eine gute Ausstellung muss auch Raum für Fragen, Unsicherheiten und unterschiedliche Perspektiven schaffen. Viele Menschen wollen nicht einfach belehrt werden, sondern verstehen, was bestimmte Veränderungen konkret bedeuten für ihr Zuhause, ihre Mobilität, ihre Arbeit oder ihre Region.
Mein eigener Blick hat sich dadurch geschärft: Wissenschaftliche Genauigkeit bleibt wichtig, aber genauso wichtig ist es, Anschlussstellen zu schaffen. Man muss zeigen, wo Forschung ganz konkret mit dem Leben der Besuchenden zusammenhängt. Dann entsteht eher Neugier als Abwehr.
Felix Dunkl: Eigentlich gab es unzählige Begegnungen und Ereignisse. Toll war, wenn wir im Unterricht Schülerinnen und Schülern erreicht haben, die im Anschluss gesagt haben, dass sie zum ersten Mal selbst über die Energiewende nachgedacht haben und jetzt eine eigene Meinung dazu haben. Aber auch unzählige Leute, die tolle Veranstaltungen zu Energie und Nachhaltigkeit organisiert haben, zu denen wir eingeladen wurden oder die dafür gesorgt haben, dass wir an unkonventionellen Orten standen, wie etwa unmittelbar am Strand von Usedom, im Fußballstadion oder in der ehemaligen Kohlengrube in der Lausitz.
Diese ganze Erfahrung, auch mit dem Austausch mit den Menschen, hat schon dazu geführt, dass ich denke, die Gesellschaft ist gar nicht so schlecht, wie immer angenommen wird.
Felix Dunkl: Das BMX, mit dem eigener Strom und damit Wasserstoff produziert wird, ist schon super, weil es einfach so ein Publikumsmagnet war. Aber meine beiden persönlichen Favoriten sind eigentlich die Aufkleberwand und der Solartrabbi. An der Wand konnten die Besuchenden ihre Wünsche und Meinungen zur Energiewende hinterlassen und da sind wirklich richtig tolle Ideen und Anregungen entstanden. Und das kleine Modell des Solar-Trabbi; den es in Echt auch wirklich gibt, war für mich ein persönliches Highlight, weil es das allererste Exponat war, das wir im Energiemobil hatten und bis heute die Leute immer wieder danach fragen, was es mit dem kleinen Trabbi auf sich hat.
Andrea Heilrath: Mir gefallen besonders die Exponate, die Dinge sichtbar machen, die sonst verborgen bleiben. Ein Beispiel sind die Hochspannungsleitungen sowie Erd- und Unterseekabel in der Themeninsel „Vernetzen“. Solche Materialien nutzen wir indirekt jeden Tag, aber normalerweise sehen wir sie kaum: Sie hängen hoch über unseren Köpfen, liegen in der Erde oder verlaufen unter Wasser. Sie aus nächster Nähe zu sehen, schafft sofort einen anderen Bezug.
Ein weiteres Exponat, das ich sehr gelungen finde, ist der „Stromkasten“, den viele von zu Hause kennen. Auch hier verändert sich gerade viel: Durch digitale Stromzähler, Steuergeräte und Kommunikationsschnittstellen können Haushalte aktiver Teil der Energiewende werden - etwa mit einem Balkonkraftwerk, Photovoltaik auf dem Dach oder flexiblen Stromtarifen. Das Exponat zeigt sehr konkret: Energiewende passiert nicht nur irgendwo draußen in großen Kraftwerken, Netzen oder Industrieanlagen. Sie kommt auch bei uns zu Hause an.